Die St.Galler E-Trottis im Test

Christoph Thurnherr, 31. Juli 2019, 05:47 Uhr
Unser Reporter Christoph Thurnherr testet das E-Trottinett auf Herz und Nieren.
© FM1Today
Seit Dienstag kann man im Rahmen eines Pilotprojekts in der Stadt St.Gallen E-Trottinetts mieten. Wir haben das Gefährt getestet. Ob die Trottinetts genug Saft für die steilen Strassen der Gallusstadt haben, erfährst du hier.

Elektrische Fortbewegung boomt in allen Altersklassen. Egal ob Senioren mit dem E-Bike, Sportwagenliebhaber mit dem Tesla oder Kinder mit dem Hoverboard: Sie alle geniessen den Antrieb aus der Steckdose. In einem Pilotprojekt testet jetzt auch die Stadt St.Gallen die E-Mobilität. Genauer: Ein Mietsystem für E-Trottinetts. Bereitgestellt werden sie vom deutschen Ableger des schwedischen Anbieters VOI, der bereits in 33 Ländern aktiv ist.

Doch die Stadt St.Gallen ist nicht wie jede andere. Bei Velofahrern ist sie wegen ihrer vielen Höhenmeter eher unbeliebt. Wie verhält sich das mit dem E-Scooter und wie fährt er sich sonst so? Wir haben das Trotti getestet.

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Quelle: Video: FM1Today / Rahel Röthlin

Die App ist bubi-einfach

Der Schlüssel zum Fahren mit dem E-Trotti ist die VOI-App. Sie zeigt an, wo sich das nächste Trottinett befindet und wie viel Akku es noch hat. Wenn man das Trotti gefunden hat, erfolgt die Entsperrung auch über die App. Auf der Lenkstange ist ein QR-Code. Den muss man Scannen und schon ist das E-Trotti entsperrt. Die Aufschaltgebühr kostet Zwei Franken, jede Minute weitere 30 Rappen. Die Abrechnung erfolgt via Kreditkarte. Wenn man das E-Trottinett zu einer bestehenden Velostation zurückbringt bekommt man einen Franken zurück. So soll verhindert werden, dass die Trottis wild irgendwo herumstehen.

Fahrspass garantiert

Sobald die kleine technische Hürde gemeistert ist, geht der Spass los. Ein-, zweimal mit dem Fuss anschieben und danach kann man mit der rechten Hand den Grünen Gas- bzw. Stromhebel drücken. Schön wäre hier ein Gashebel zum Drehen wie beim Motorrad, das ist jedoch Geschmackssache. Je stärker man drückt umso schneller fährt das Trotti. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 Kilometern pro Stunde. Das reicht aber locker, um voranzukommen. Das Gleichgewicht zu halten ist nicht schwieriger als bei einem normalen Trotti oder Velo. Allzu enge Kurven kann man damit nicht fahren, da es ziemlich gross ist. Dafür hat man bequem darauf Platz und es reicht allemal, um an den asiatischen Touristen auf dem Klosterplatz vorbeizukurven. Auch wenn der Pflasterstein nicht die beste Unterlage ist, da rattert es schon ziemlich.

Aufpassen im Verkehr

In der St.Gallen folgen einem ungläubige bis interessierte Blicke, wenn man rechts an einer stehenden Autokolonne vorbeifährt wie ein Velo. Diesem ist das E-Trotti per Gesetz auch gleichgestellt. Das Fahrgefühl ist aber nicht zu vergleichen, trotz der relativ hohen Geschwindigkeit fühlt man sich wie ein normaler Trotti-Fahrer und deswegen vielleicht auch nicht so den Verkehrsregeln verpflichtet. Dabei muss man durchaus aufpassen. Mit den Bremsen eines gut unterhaltenen Velos kann das E-Trotti gefühlt nicht mithalten. Dazu kommt die ungewohnte Fahrposition im Stehen und die Gewöhnung. Im Gegensatz zum Velo befindet sich das Bremspedal an der Innenseite der Lenkstange und nicht oben. Das mag nur ein kleiner Unterschied sein, in der Hektik des Strassenverkehrs kann eine kleine Unsicherheit aber bereits gefährlich werden. Wie bei den Oldschool-Trottis gibt es aber auch eine Fussbremse hinten am Gefährt.

Steile Strassen

Wie uns Claus Unterkircher von VOI Deutschland versichert, wurde für St.Gallen ein besonders leistungsstarkes Trottinett ausgesucht, um den vielen Steigungen und Hügeln Rechnung zu tragen. «Wenn der Motor doch mal an seine Grenzen kommt, kann man leicht mit dem Fuss anschieben, das ist immer noch viel angenehmer als mit dem Velo», sagt Unterkircher. Gesagt, getestet: Schon bei der ersten Steigung vom roten Platz Richtung am Hotel Einstein vorbei in Richtung St.Georgen bleibt das Trottinett fast stehen. Die Steigung auf dem kurzen Abschnitt ist zugegeben enorm und der Anlauf ist nur kurz. Bei einem weiteren Versuch mit etwas grösserem Vorlauf läuft das Trotti wie eine Eins, ich überhole sogar zwei Velofahrer auf der steilen Berneggstrasse. Etwas weiter oben tritt der von Unterkircher beschriebene Fall ein: Das Trotti fährt zwar noch, kommt aber nur langsam vorwärts. Zwei, drei Anschieber mit dem Fuss reichen aber aus, um dem Trottinett neuen Schub zu verleihen. Anstrengend ist das wirklich nicht.

Fazit

Die Stadt St.Gallen ist klein genug, um sie zu Fuss zu erkunden, so können Touristen auch mehr entdecken. Für Einheimische, die es eilig haben, könnten die E-Trottis aber eine Bereicherung sein. Sofern die App schon eingerichtet und eine Kreditkarte hinterlegt ist, dauert das Aufschalten nur Sekunden. Das Gefährt ist Komfortabel, die Bedienung ist einfach und man ist schnell am Ziel. Vorsicht geboten ist jedoch mit dem Restverkehr. Hat man den Bogen einmal raus verleitet dies zu einer rassigen Fahrweise, der Bremsweg darf dabei nicht unterschätzt werden.

Die Stadt testet nun drei Monate lang, wie die E-Trottis bei der Bevölkerung ankommen. Gute Fahrt.


Christoph Thurnherr
Quelle: thc
veröffentlicht: 30. Juli 2019 12:07
aktualisiert: 31. Juli 2019 05:47