Kriessern

Dreck, Lärm und Töff: Die Zünd-Schwestern leben Motocross

Krisztina Scherrer, 21. November 2020, 16:34 Uhr
Die Zünd-Schwestern, das sind Katja, Nina und Michelle, fahren schon fast ihr Leben lang Motocross. Wieso dieser Sport für sie mehr ist als nur Gas geben und herumfahren und weshalb sie davon noch lange nicht müde sind.

Angst haben sie keine. Aber Respekt, das brauche es für ihren Sport. «Es ist wichtig, dass man sich nicht überschätzt. Man soll zwar ans Limit gehen, aber nicht darüber. Sonst wird es gefährlich», sagt Nina Zünd. Sie ist 25 Jahre alt und fährt seit ihrem vierten Lebensjahr Motocross. Seit gut zehn Jahren bestreitet sie Rennen an der Schweizer Meisterschaft. Auch ihre Schwestern, Katja (27) und Michelle (22) sitzen schon seit Kinderjahren auf dem Töff und fahren ebenfalls Rennen an der Schweizer Meisterschaft.

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Quelle: FM1Today/ zVg.

Motocross. Ein Sport, den man nicht wirklich kennt, und wenn, dann klingelt es vielleicht beim Namen Jeremy Seewer. Der Schweizer fährt an den Motocross-Weltmeisterschaften ganz vorne mit. Doch zurück zu den Zünd-Schwestern aus Kriessern. Die drei jungen Frauen leben und lieben den Sport, das merkt man sofort.

Wie der Vater, so die Töchter

«Wir haben alle drei wegen unserem Vater damit angefangen. Er fuhr selber Motocross», sagt Michelle, die jüngste im Bunde. Sie hat gerade ihr Studium zur Physiotherapeutin in Landquart angefangen. «Er musste uns auch nicht überzeugen», ergänzt Nina. «Er dachte immer, dass wir irgendwann von alleine aufhören. Aber wir fahren noch und das wird sich so schnell nicht ändern.» Nina hat vergangenen Sommer ihr Bachelor-Studium in Pflege abgeschlossen. Seit kurzem arbeitet sie im Kantonsspital St.Gallen.

«Anfangs fuhren wir auf den Feldern in der Region umher», sagt Katja. Sie ist die älteste der Zünd-Schwestern und arbeitet als Sportlehrerin, nebenbei studiert sie an der Fachhochschule Informatik. «Mit 14 oder 15 wollte ich an Rennen teilnehmen und mehr trainieren. Ich bin dann an den Schweizer Meisterschaften gefahren.» Ihre Schwestern sind nach und nach dazugestossen. Nina mit 15 Jahren, Michelle mit 14.

So geht Konkurrenzkampf unter Geschwistern

Mittlerweile sind alle drei erfolgreich mit dabei. Michelle fährt den beiden älteren Schwestern meistens davon. «Wir kommen Michelle nicht nach. Katja und ich sind fast gleich schnell. Wir treffen auf der Piste oft aufeinander», sagt Nina. «Wir sind beide ehrgeizig und wollen schneller sein als die andere.» Nach dem Rennen habe diejenige, die langsamer war, keine Freude an der anderen. Nach gut zehn Minuten sei das aber wieder vergessen.

«Es gab es auch schon, dass Nina kein Wort mehr mit mir sprach. Die ganze Fahrt von Dänemark nach Hause», sagt Katja und lacht. «Sie war überzeugt, dass sie wegen mir gestürzt ist. Das ist sie jetzt noch, sieben Jahre später.» Für Katja ist es leichter, mit jemandem auf der Strecke zu kämpfen, den sie nicht kennt. «Die sieht man nach dem Rennen nicht mehr. Mit der Schwester sitzt man am Abend noch am selben Tisch und isst zusammen.»

Motocross – eine Familienangelegenheit

Trotz der kleinen «Reibereien» arbeiten die Schwestern gerne zusammen. «Wir gehen miteinander von Rennen zu Rennen und haben immer einen Vergleich. Das ist positiv», sagt Michelle. Allgemein, scheint das Wort «Familie» bei den Zünds grossgeschrieben zu werden. «Unsere Sponsoren sind vor allem aus der Familie», sagt Nina. Mit ihrem Budget können sie einen Teil der Kosten abdecken. «Bis wir ausgelernt waren, hat uns der Vater beim Rest unterstützt. Jetzt sind wir unsere eigenen Sponsoren.»

Auch in der Motocross-Szene geht es familiär zu und her. «Der Motocross-Platz ist wie eine grosse Familie, man hilft sich und mag einander den Erfolg gönnen», sagt Katja. Die 27-Jährige hat vor kurzem geheiratet, ihr Mann fährt ebenfalls Motocross. «So haben wir uns kennengelernt.» Auch ihre Schwester, Michelle, hat einen Freund aus dieser Szene.

Katja und Andy heirateten im Oktober. 

© zVg

Mehr als nur Töfffahren

Michelle ist gerade am erfolgreichsten unterwegs. In der Schweizer Meisterschaft dieses Jahres wurde sie sechste, 2019 und 2018 sogar dritte. An den Amateur-Europameisterschaften reichte es für Rang vier. Ausserdem startet die 22-Jährige auch an den offiziellen Frauen Europameisterschaften. Nina schaffte es in der diesjährigen Meisterschaft auf Rang neun und Katja wurde Elfte – ihr fehlte ein Rennen. Auch sie zwei starteten an den Amateur-Europameisterschaften. Eine Saison geht normalerweise von April bis anfangs Oktober, zehn Rennen stehen dann jeweils an.

Für ihren Erfolg machen die Zünd-Schwestern auch einiges. Wer nämlich denkt, Motocross-Fahrerinnen sitzen nur auf den Töff und drücken dann auf das Gas, der irrt. Gewaltig. «Wir trainieren zwischen drei- und fünfmal die Woche. Das sind verschiedene Einheiten. Mal machen wir Ausdauer, dann Kraft, Gleichgewicht und Koordination», sagt Katja. Das heisst: Joggen, Mountainbiken oder Rennvelofahren, sowie Gewichte heben gehören dazu. Einmal in der Woche geht es auf die Piste, dann wird Töff gefahren.

Trainieren auf dem Acker des benachbarten Bauern

Das Training auf dem Töff ist nicht mal so einfach. Denn in der Ostschweiz haben die drei Rheintalerinnen kaum Möglichkeiten zu trainieren. «Dafür müssen wir nach Möggers oder Triesen. Also Österreich und Fürstentum Liechtenstein», sagt Katja. Die nächste Piste in der Schweiz ist im Kanton Schaffhausen. «Wir können zum Glück bei ganz netten Bauern in der Gegend auf dem Acker fahren. Wenn sie zum Beispiel den Mais geerntet haben.» Allgemein wünscht sich Katja, dass der Sport mehr anerkannt wird. «Es ist körperlich intensiv und nicht einfach nur ein Herumfahren.»

Michelle träumt von den Weltmeisterschaften

Ja, man sieht, für viel anderes bleibt den drei Motocross-Fahrerinnen nicht Zeit. «Für uns ist das ein Hobby. Wir haben hier viele Freunde und gute Leute kennengelernt», sagt Michelle. Deshalb steht Aufhören bei allen drei Zünds nicht zur Debatte. «Ich würde gerne einmal an einer Weltmeisterschaft teilnehmen», sagt Michelle. Katja fährt nicht mehr international, der Zeitaufwand sei mittlerweile zu gross. Trotzdem werden sie und auch ihre Schwester Nina weiterhin bei den Meisterschaften in der Schweiz fahren. Ihr Ziel: Die Top-Ten-Platzierungen. Katja ergänzt: «Und einfach Spass haben.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. November 2020 16:12
aktualisiert: 21. November 2020 16:34