Endlich kann man sie fast lesen...

Dario Cantieni, 5. März 2019, 16:38 Uhr
Die binäre Uhr am Bahnhof St.Gallen. Um rasch die Zeit zu lesen eignet sie sich nicht. Aber jetzt kommt Hilfe. Ein St.Galler hat eine App entwickelt, mit der man die Kunst-Uhr lesen kann. Ein Test vor Ort.

Dienstagmorgen. Eine frische Bise lässt Menschen Mantelkrägen hochschlagen und mit schnellen Schritten über den Bahnhofplatz eilen. Das dezente Blau der Kreise, Kreuze und Vierecke der binären Uhr leuchtet in regelmässigen Abständen auf. Aber fast niemand nimmt Kenntnis davon. Bei der Frage: «Wie spät ist es eigentlich?» kramen die Vorbeieilenden an ihren Handgelenken herum oder nehmen das Handy zur Hilfe. Kein Blick geht zur binären Uhr. Und wenn man darum bittet: «Keine Ahnung, wie spät es ist.»

App funktioniert mässig

Hier kommt Jan Göltenboth ins Spiel. Der 32-jährige St.Galler Software-Entwickler hat die «SBBinary»-App auf den Markt gebracht. Damit lässt sich ein Foto von der binären Uhr machen und die App rechnet einem in Sekunden die aktuelle Zeit aus. Erste Testversuche vor Ort zeigen jedoch, dass in der Entwicklung definitiv noch Luft nach oben ist. Immerhin: Einmal erkennt die App die richtige Stunde, während sie sonst saftig daneben liegt.

App-Entwickler Göltenboth räumt gewisse Schwachstellen ein. Zum Beispiel, die Lichtverhältnisse. «Besser wär's gewesen, die App bei schlechtem Wetter zu testen, da die Zeichen dann besser sichtbar sind», sagt Göltenboth. Wenn jedoch die Sonne auf die binäre Uhr scheine, erkenne man auch mit blossem Auge kaum, welche Kreise, Kreuze und Vierecke leuchten.

So funktioniert die neue App:

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«App, die man nicht braucht - für Uhr, die's nicht braucht»

Die Entwicklung des Apps dürfe man sowieso nicht all zu ernst nehmen, so Göltenboth. «Es ist mit einem Augenzwinkern entstanden.» Weil er mit seinen Freunden oft über die binäre Uhr diskutiert hat, entschloss sich der Software-Entwickler, etwas zu programmieren, was das Leben mit der binären Uhr erleichtern könnte. Auch wenn auf dem ganzen Bahnhofplatz überall Uhren hängen und sich wohl niemand die Zeit nimmt, das Handy hervor zu holen, die App zu öffnen, ein Foto zu machen, um dann die Zeit abzulesen. Bis dann ist der Zug weg. Und der nächste möglicherweise auch. Dessen ist sich Göltenboth bewusst: «Eigentlich braucht es die App nicht... Aber die Uhr am Bahnhof auch nicht. Also habe ich mir gesagt: Warum mache ich nicht etwas, das man nicht braucht, für etwas, dass man am Bahnhof auch nicht braucht». Er wolle aber niemanden schlecht machen, vor allem nicht den Künstler. «Für mich ist die App einfach eine Spielerei.»

René kann's auch ohne App

Eine kurze Umfrage am Bahnhof zeigt: Die meisten Passanten sind der gleichen Meinung wie der App-Entwickler. Braucht es nicht unbedingt, ist aber ganz nett. Diego, Yannick und Pascal sind sich einig. «Schon eine schlaue Idee, aber die Uhr ist allgemein nicht so nötig.» René ist als Busfahrer täglich unter der Uhr unterwegs und kann sie auch ohne App lesen, während Graziella meint: «Ist bestimmt eine gute Erfindung. Ich seh' immer wieder Leute, die dastehen und keine Ahnung haben, was für eine Zeit sie zeigt.» Ob die App da helfen kann ist nach dem Selbstversuch heute fraglich.

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Die «SBBinary»-App gibt es für iOS und Android.

Dario Cantieni
veröffentlicht: 5. März 2019 15:53
aktualisiert: 5. März 2019 16:38