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Königinnen geklaut

«Es tut weh» – wer steckt hinter den Bienendiebstählen in der Ostschweiz?

Mauro Lorenz, 12. Juni 2021, 15:17 Uhr
Die Häufung von Bienendiebstählen in der Ostschweiz sorgt unter Imkern für Aufregung. Von den Motiven, über Verbindungen nach Deutschland, bis zu einem umstrittenen Internetportal wird gerade vieles hinterfragt.

«Es tut weh», sagt Imker Jonas Bürgler. Dem Flumser wurden in den vergangenen Tagen mehrere Bienenköniginnen gestohlen. «Es ist, als wären sie in mein Haus eingebrochen.» Ein Bienenvolk sei auf die Königin angewiesen: «Die Völker werden massiv geschwächt. Das Ziehen einer neuen Königin dauert rund 40 Tage.» Bis dahin fehlen dem Berufsimker wichtige Einnahmequellen. Der totale Sachschaden könnte die 1000er Marke übersteigen.

«Es müssen Imker gewesen sein»

Dass die Räuber die Bienenkönigin so schnell erkennen konnten, lässt auf Experten schliessen. «Es müssen Imker gewesen sein», bestätigt Bürgler. Für einen solchen Raubzug brauche man eine professionelle Ausrüstung und hohe Bienen-Kenntnisse: «Sie haben gezielt nach jungen Königinnen gesucht, sie sind besonders leistungsstark.»

Auch für Max Meinherz, oberster kantonaler Bieneninspektor, ist klar: «Es handelt sich um Kenner.» Die Imkerei sei für die meisten ein Hobby. Er versteht nicht, wie man eine Leidenschaft mit gestohlenen Tieren ausleben kann: «Das ist wie Weihnachten feiern unter einem gestohlenen Christbaum.»

Verbindungen nach Deutschland?

Vor einer guten Woche kam es in Schänis bereits zu einem Raub von 20 Bienenvölkern, das entspricht einem Wert von über 10'000 Franken, FM1Today berichtete. In den letzten Jahren habe man von solchen Vorfällen in Süddeutschland gehört. «Jetzt ist es auch bei uns angekommen», sagt Meinherz. Dass die Täter international operieren, sei möglich. Man könne bis jetzt aber nur spekulieren.

Fakt ist: Auch im deutschen Raum um den Bodensee nehmen die Fälle zu. «Schweizer Täter sind aber nicht auszuschliessen», sagt Meinherz. Jonas Bürgler glaubt nicht an einen Täter aus der Region, man kenne sich untereinander. Er räumt aber ein: «Ein gewisser Neid zwischen den Imkern besteht.»

Erhöhtes Bienensterben als Motiv?

Logischerweise stellt sich auch die Frage nach dem Motiv, warum stiehlt jemand Bienen? Für Meinherz gibt es nur zwei Möglichkeiten: «Der Winter war hart. Das Bienensterben war 8 Prozent höher als normal.» Vielleicht versuche jemand, seine Verluste zu kompensieren. Die zweite Option sei der Handel: «Die Bienen stehlen, um sie dann an Dritte zu verkaufen.»

Die Polizei ist über die Vorfälle informiert und bestätigt die Häufung der Vorfälle: «Im Zeitraum von März bis Juni gab es im Kanton St.Gallen vier Anzeigen wegen Bienendiebstahls», sagt Natascha Scherrer, Mediensprecherin der Kantonspolizei St.Gallen. Es sei schwierig, die Täter zu fassen, da bei einem solchen Raub nur wenige Spuren entstehen: «Die Ermittler versuchen, eng mit den Imkern zusammen zu arbeiten.»

Schutz der Bienen nicht möglich

Den Schutz der Bienen zu verbessern, ist laut Bürgler schwierig: «Es gibt verschliessbare Häuschen für die Bienenzucht.» Diese seien aber weniger mobil und unpraktisch zur alltäglichen Arbeit. Der Imkerverband empfiehlt, eine Videoüberwachung aufzubauen: «Das könnte eine zusätzliche Abschreckung sein.» Für viele Imker wäre das aber auch mit hohen Kosten verbunden.

Internetportal als Hilfe für die Diebe?

Eine Sache ist Jonas Bürgler ein Dorn im Auge: «Alle Imker müssen ihre Bienenbestände auf dem Geoportal anmelden.» Heisst, dass jeder mit wenigen Klicks herausfinden kann, wo gerade Bienenstände zu finden sind. Das Geoportal ist eine Seite im Netz, die zur Eindämmung von Krankheiten geführt wird. «So wissen Imker, wo gerade Seuchen im Umlauf sind und welche Gebiete zu meiden sind», relativiert das Veterinäramt St.Gallen, das die Seite betreibt.

Im Geoportal sind alle Bienenstände der Schweiz mit wenigen Klicks zu finden.

© FM1Today

Zurzeit gibt es noch viele Fragezeichen rund um die Bienendiebstähle in der Ostschweiz. Der Aussage von Max Meinherz schliessen sich aber alle Parteien an: «Hoffentlich war das der letzte Fall.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 10. Juni 2021 05:55
aktualisiert: 12. Juni 2021 15:17