Adipositas-Serie

«Essen schmeckt so gut» – auf dem Weg zu einem gesünderen Gewicht

Lara Abderhalden, 31. August 2022, 10:52 Uhr
Katja Langenbahn ist 165 Zentimeter gross und wiegt über 117 Kilogramm. Sie gilt als adipös – und kommt, gemäss Ärzten, nicht von alleine wieder von ihrem Übergewicht weg. Eine Operation ist nötig. Wir begleiten die 55-Jährige vom ersten Behandlungsgespräch am Spital Grabs im November 2021 bis hin zur Operation im Februar 2022.

Quelle: FM1Today/TVO

Rote Lippen, schickes Kleid und braune Schuhe mit Leopardenmuster. Katja Langenbahn ist eine Erscheinung. Sie nimmt mit ihrer Präsenz den Raum ein. Strahlt, scheint fröhlich und zufrieden mit sich und der Welt zu sein. Wir befinden uns in einem Behandlungsraum im Spital Grabs. Es ist eng – durch die vielen Menschen, die sich darin befinden: Ärztin, Medienverantwortliche, wir Journalisten. Das Thema, das besprochen wird, ist kein leicht verdauliches: Adipositas – Fettleibigkeit. Katja Langenbahn ist 55 Jahre alt, 117 Kilogramm schwer und 165 Zentimeter gross. Sie hat einen BMI von 43. Ab einem BMI von 30 spricht man von «adipös». Ein Magenbypass soll ihr helfen, Gewicht zu verlieren.

Beim ersten Untersuch gibt es einen allgemeinen Gesundheits-Check-up.

© FM1Today/Lara Abderhalden

Katja kommt aus dem Fürstentum Liechtenstein und wohnt mit ihrem Mann in Planken, einer kleinen Gemeinde hoch auf einem Hügel oberhalb von Schaan. Die beiden erwachsenen Söhne sind bereits ausgezogen. Wir besuchen die 55-Jährige noch vor dem Besprechungstermin Ende November 2021 zu Hause. Die kurvige Strasse zur 500-Seelen-Gemeinde lässt fast kein Kreuzen zweier Autos zu. Wer dennoch kurz den Blick von der Strasse abwendet und gen Tal richtet, wird mit einer wundervollen Aussicht über das Fürstentum belohnt.

Kaum öffnet die Liechtensteinerin die Türe zu ihrem Haus, werden wir von ihrer Hündin in Empfang genommen. «Ich habe auch noch zwei Katzen», sagt die 55-Jährige und streichelt ihrer Hündin Jana über den Kopf. Wir betreten das farbenfroh eingerichtete Haus. Verschiedene Figuren hängen vor einer grosse Fensterscheibenfront, die ein helles Licht in die Wohnung wirft. Wir setzen uns mit einem Kaffee an den Tisch neben der Küche.

Katja Langenbahn in ihrer Küche in Planken.

© FM1Today/Lara Abderhalden

Katja, die hauptberuflich als Schauspielerin arbeitet, schiebt ihr Manuskript mit den Worten «das muss ich alles auswendig lernen» beiseite und widmet sich unserem Gespräch. Sie erzählt, wie es dazu kam, dass sie sich für eine Operation entschieden hat: «Ich habe Arthrose in beiden Knien und deswegen Schmerzen beim Laufen. Ich möchte noch lange auf der Bühne stehen, darum mache ich diese Operation. Der Gesundheit zuliebe.»

Sie beschreibt ihr Übergewicht als einen schleichenden Prozess. «Ich bin zügellos, wenn es ums Essen geht. Angefangen hat es vermutlich, als ich die Kinder bekommen habe. Da wurde ich gemütlicher.» Sie habe aber auch für verschiedene Rollen immer wieder zu- und abgenommen. «Das Zunehmen war immer einfacher, weil ich so eine Geniesserin bin. Essen schmeckt so gut.»

Katja, wie würdest du deine Ernährung einschätzen?

«Es ist nicht so, dass ich mich ungesund ernähre. Ich achte extrem darauf, dass die Produkte hochwertig sind. Ich esse einfach vom Ungesunden zu viel. Ich trinke immer Wasser und selten einmal gönne ich mir ein Glas Weisswein oder Sekt.»

Inwiefern schränkt dich dein Übergewicht ein?

«Ich habe mich vor allem während Corona gehen lassen. Corona war schön für mich, weil ich so faul geworden bin. Da habe ich Netflix geguckt und etwas dazu gegessen. Das war sehr gemütlich. Seither bin ich nicht mehr auf der Bühne gestanden und weiss deshalb nicht, wie stark es mich einschränkt. Im Alltag spüre ich vor allem die Schmerzen. Ich kann nicht richtig laufen, dadurch fehlt es mir an Bewegung.»

Katja Langenbahn ist hauptberuflich Schauspielerin und muss dafür fit auf den Beinen sein. Das Übergewicht schränkt sie ein.

© FM1Today/Lara Abderhalden

Bei Katja Langenbahn haben kein Schicksalsschlag, keine psychischen Probleme oder Krankheiten zum Übergewicht geführt. Sie wurde nicht gemobbt und will nicht operiert werden, weil sie mit ihrerer Figur unzufrieden ist. Ihre Gründe sind rein gesundheitlicher Natur.

«Natürlich gibt es Tage, an denen ich mich blöd fühle, wenn ich mich im Spiegel betrachte und nichts passendes zum Anziehen finde. Dann merke ich aber schnell, dass das Luxusprobleme sind, ich mit den Füssen wieder auf den Boden kommen und mir sagen muss: ‹Katja, es gibt Menschen, die haben gar keine Kleidung.› Schlussendlich liegt es immer im Auge des Betrachters, ob jemand schön ist oder nicht. Jeder sollte mit sich selbst im Reinen sein und sich nicht vergleichen.»

Gerade in Zeiten von Instagram ist es manchmal nicht einfach, sich nicht zu vergleichen, weil man den Vergleichsmöglichkeiten fast nicht entgehen kann – wie schaffst du das?

Katja Langenbahn wird etwas lauter: «So viele jungen Leute haben Essstörungen, weil sie ein völlig verzerrtes Bild von Schönheit haben. Das kann es nicht sein. Meine Mutter hat früher schon gesagt, weil mein Bruder und ich offensichtlich schöne Kinder waren, dass wir uns nichts darauf einbilden sollen. Das Wichtigste sei, dass wir uns selbst bleiben und uns nicht verstellen. Mit dem sind wir beide bisher gut gefahren.»

Du sprichst offen über dein Übergewicht, über deine Liebe zum Essen und über die anstehende Operation. Du scheinst eine starke Frau zu sein, die weiss, was sie will und sich so akzeptiert, wie sie ist. Was gibst du Menschen mit auf den Weg, die selbst «adipös» sind und sich nicht trauen, etwas zu tun?

«Es ist schwierig, Ratschläge zu geben, weil ich ich bin. Ich wünsche mir für jeden und jede, dass er oder sie den Mut hat, eine Behandlung nicht als unmögliches Ding anzuschauen. Dass diese Menschen die Offenheit haben, rauszugehen, darüber zu reden und sich dafür nicht schämen zu müssen. Die Welt ist bunt: Es gibt grosse, dicke, dünne, alte, junge Menschen.»

Deine Operation soll dir Schmerzen ersparen – geht es dir aber auch darum, danach schlanker zu sein?

«Ich habe bereits vor fünf Jahren 30 Kilogramm abgenommen und habe nicht völlig anders ausgesehen. Viele Menschen merken gar nicht, wenn ich mehr oder weniger auf den Rippen habe. Mir geht es um die Gesundheit, da brauche ich Hilfe und dafür sind die Ärzte da.»

Vor fünf Jahren hast du auf natürliche Weise mit mehr Bewegung und Essen 30 Kilogramm abgenommen – warum brauchst du jetzt ärztliche Hilfe?

«Es ist anders. Ich bin älter geworden. Ich kann mich aufgrund der Schmerzen im Moment nicht gut bewegen. Damals bin ich täglich gelaufen, das kann ich jetzt nicht. Ich komme da ohne professionelle Hilfe nicht raus.»

Was sagst du Menschen, die sagen: «Iss doch einfach weniger»?

«Dann hör du auf zu rauchen. Es ist nicht so einfach und kann eine Sucht sein. Essen ist so lecker – meine Hemmschwelle, um damit aufzuhören, ist nicht oder zu wenig vorhanden.»

Zurück im Spital Grabs, im Behandlungszimmer: Die Ärztin hat nach einem Vorgespräch und einer kurzen Untersuchung fesgestellt: Katja darf operiert werden. Sie freut sich, strahlt noch etwas mehr. Bis zur Operation steht der 55-Jährigen aber noch ein Marathon an Abklärungen bevor. Dazu gehören Ernährungsberatung, psychologisches Gespräch, eine Magenspiegelung und eine kardiologische Untersuchung, um zu sehen, wie fit und bereit Katja für die Operation ist. Wie dieser kardiologische Test auf dem Velo abgelaufen ist, siehst du oben im Video.

Eine Pflegefachfrau, Katja Langenbahn und Kardiologe Rainer König beim kardiologischen Untersuch in Grabs.

© FM1Today/Lara Abderhalden

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. August 2022 10:52
aktualisiert: 31. August 2022 10:52
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