St.Gallen

Fall «Sexsklavin»: 55-Jähriger wehrt sich gegen Missbrauchsurteil

Fabienne Engbers, 18. Februar 2020, 17:43 Uhr
Das fünfjährige Mädchen wurde von seiner Mutter mehrmals missbraucht. Der Angeklagte bestreitet, die Mutter dazu angestiftet zu haben. (Symbolbild)
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Im Fall um den Missbrauch eines vierjährigen Mädchens fand am Dienstag am Kantonsgericht St.Gallen der Berufungsprozess statt. Der 55-jährige Partner bestreitet, die Mutter zu sexuellen Handlungen am Kind angestiftet zu haben. Sie hat ihr Urteil akzeptiert.

Der Angeklagte zittert. Als er die Treppe zum Gerichtssaal hinabsteigt, muss er sich am Geländer festhalten. Im Berufungsprozess am St.Galler Kantonsgericht sagt er dann als erstes, er sei nicht fähig, an der Verhandlung teilzunehmen, ein Arzt muss ihm die Vernehmungsfähigkeit attestieren.

Mutter und Tochter zu «Sexsklavinnen» erzogen

Der Berufungsprozess findet fast zwei Jahre nach dem erstinstanzlichen Prozess am Kreisgericht St.Gallen statt. Damals wurde der heute 55-Jährige unter anderem wegen verschiedener Sexual- und Pornografiedelikte zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und einer Genugtuung in der Höhe von 30'000 Franken verurteilt.

Gemäss Staatsanwaltschaft hat der Deutsche die Mutter angewiesen, mehrfach und über einen längeren Zeitraum sexuelle Handlungen an ihrer vier- bis fünfjährigen Tochter vorzunehmen und diese auf Film und Foto festzuhalten. Diese Aufnahmen schickte die Mutter dem Angeklagten jeweils in einem Chat. 

Gemäss Beweisen in der Anklageschrift verfolgte der Angeklagte damit das Ziel, die Mutter und ihre Tochter zu «Sexsklavinnen» zu erziehen.

Die Mutter sei die Haupttäterin

Dagegen wehrt sich der 55-Jährige. Die Mutter habe in keinem Abhängigkeitsverhältnis zum Angeklagten gestanden, sie habe zu jeder Zeit selbst über ihre Handlungen entschieden. Die Verteidigung führt mehrfach ins Feld, dass die Mutter die eigentliche Haupttäterin war und der Angeklagte sogar versuchte, sie von den sexuellen Handlungen, die sie an der Tochter vornahm, abzubringen. Das Kreisgericht habe den Sachverhalt zu wenig kritisch angeschaut, habe impliziert, dass der Angeklagte als «Herr» seiner Partnerin den sexuellen Missbrauch des Kindes angeordnet hatte.

Der Angeklagte bekennt sich hingegen schuldig, mit der Mutter im Beisein des Kindes sexuelle Handlungen vollzogen zu haben. Im Berufungsprozess verlangt die Verteidigung deshalb eine starke Linderung des Urteils. Aus fünf Jahren Freiheitsstrafe sollen zehn Monate werden, die Genugtuung soll 5000 Franken betragen.

Staatsanwaltschaft bleibt bei geforderter Strafe

Die Anklage hingegen zeigt während der Verhandlung nochmals auf, dass der Beschuldigte die Kindsmutter von ihm abhängig gemacht habe. Auch sei er hauptschuldig am Missbrauch der Vierjährigen, die nicht nur sexuell missbraucht wurde, sondern auch dazu animiert wurde, sich selbst und ihre Mutter zu befriedigen. Der Angeklagte habe sich selbst «Herrn» genannt, die Kindsmutter war sein «Fickschwein», die misshandelte Tochter das «Ferkel», die beiden Frauen seien Teil «seines grossen perversen Plans, beide zu Sexsklavinnen zu erziehen», gewesen.

Die Staatsanwaltschaft und die Anwältin der Tochter fordern vor dem Kantonsgericht, dass das Urteil des Kreisgerichts bestehen bleibt und fordern weiterhin fünf Jahre Haft für den Angeklagten und 30'000 Franken Genugtuung. Das Urteil steht noch aus.

Angeklagter tut sich selbst am meisten leid

Der Angeklagte leidet unter Depressionen, Angstzuständen und Panikattacken, sagt der heute 55-Jährige. Reue gegenüber dem Opfer, dem heute neunjährigen Mädchen, zeigt der Angeklagte nicht. Auf Nachfrage des Gerichts sagt er: «Ich muss mich erst selbst an meinen Haaren aus dem Sumpf ziehen, in dem ich mich befinde.» Dem Mädchen wünsche er, dass es aus dem katastrophalen Umfeld herauskomme.

Die Mutter des Kindes wurde im Frühjahr 2018 schuldig gesprochen, sie zeigte während der Verhandlung Reue und nahm das Urteil von vier Jahren und drei Monaten Haft in Kauf.

Das misshandelte Mädchen lebt seit dem Vorfall bei einer Pflegefamilie, es ist nach wie vor traumatisiert und in Therapie.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 18. Februar 2020 17:43
aktualisiert: 18. Februar 2020 17:43