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Häusliche Gewalt

«Frauen richten Gewalt eher gegen sich selbst»

24. März 2021, 12:01 Uhr
Miriam Reber, Leiterin der Koordinationsstelle Häusliche Gewalt in St.Gallen.
© Tagblatt/Claudio Heller
Die Zahl der Polizeiinterventionen bei häuslicher Gewalt in St.Gallen war 2020 so hoch wie seit zehn Jahren nicht mehr. Miriam Reber ist Leiterin der St.Galler Koordinationsstelle für häusliche Gewalt und spricht über mögliche Gründe dieses Anstiegs.

Die Zahl der polizeilichen Interventionen bei häuslicher Gewalt hat im Kanton St.Gallen letztes Jahr zugenommen, FM1Today berichtete. Das vor allem in der zweien Jahreshälfte. Warum?

Ich kann mir vorstellen, dass die Menschen im Frühling durch die neue Situation eher enger zusammengerückt sind. Viele waren aufgrund des schönen Wetters auch häufig draussen. Im Herbst war das Wetter schlechter und bei vielen wurde vermutlich auch die Existenzangst durch fehlende Einnahmen grösser.

Inwiefern hat diese Angst einen Einfluss auf das Gewaltpotenzial?

Es gibt verschiedene Formen von Gewalt. So können verbale Konflikte eskalieren oder es kommt zu Tätlichkeiten. Sind Personen mehr zu Hause und haben dazu noch Geldprobleme, kann es häufiger zu Streitereien kommen. Ausserdem haben Betroffene durch die Zeit zu Hause weniger Möglichkeiten, sich an die Polizei zu wenden.

Bei welcher Art von häuslicher Gewalt wird die Polizei herbeigerufen?

Die Polizei wird bei verbalen aber auch tätlichen Konflikten gerufen. Sie weiss im Vorfeld ja nicht, was passiert ist. Im vergangenen Jahr mussten wir feststellen, dass es den grössten Anstieg bei Polizeiinterventionen mit verbalen Eskalationen mit Beschimpfungen oder Schubsern gab.

Wer sind die Opfer?

Es sind in der Mehrheit der Fälle häuslicher Gewalt Frauen betroffen. Im letzten Jahr gab es nur in zwei Fällen eine polizeiliche Verfügung gegenüber Frauen. Die restlichen 74 richteten sich gegen Männer.

Warum sind Frauen häufiger von häuslicher Gewalt betroffen?

Es ist ein gesellschaftliches Problem, das sich hoffentlich einmal ändert. Einerseits ist es sicher in vielen Fällen die körperliche Überlegenheit des Mannes. Es kann sein, dass Männer eher lernen, Aggressionen gegen aussen zu tragen und Frauen Gewalt eher gegen sich selbst richten. Männer sind eher das Oberhaupt in der Familie.

Geht es häufig um Macht? Darum, dass Männer gegenüber Frauen Macht ausüben wollen?

Es gibt Studien, die zeigen, dass Gewalt, die aus der Situation heraus, aus einem Streit oder so, entsteht, von Frauen und Männern im gleichen Ausmass angewendet wird. Das ist dann aber eher eine nicht so schwere Form von Gewalt mit leichten Verletzungen. Wenn eine Person Macht gegenüber einer anderen in Form von Gewalt ausüben will, dann sind eher Frauen die Opfer. Oft passiert häusliche Gewalt auch nach einer Trennung oder nach Stalking-Situationen.

Die Statistik zeigt, dass in vielen Fällen während Corona Nachbarn auf häusliche Gewalt aufmerksam wurden und die Polizei kontaktierten. Wie verhält man sich als Nachbar richtig, wenn man einen Streit hört?

Nicht bei jedem lautstarken Streit muss die Polizei gerufen werden. Hört man aber Schreie, wird jemand verletzt, ist es sehr wichtig, die Polizei zu verständigen. Oft lassen sich laute, angsterfüllte Schreie vom Anschreien bei Streitereien unterscheiden.

Was kann unternommen werden, wenn man vermutet, dass jemand im Umfeld Gewalt zu Hause erlebt?

Das Umfeld darauf aufmerksam machen. Das Gespräch suchen und sich Hilfe bei Fachstellen holen. Es gibt sehr viele Beratungsangebote, die jetzt während Corona übrigens sehr oft genutzt werden.

(abl)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. März 2021 12:01
aktualisiert: 24. März 2021 12:01