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Altstätten

«Freiheit und Lebensqualität» – so ist das Leben in einer Containersiedlung

Mauro Lorenz, 13. September 2021, 09:21 Uhr
Ein Leben in Bussen, Wohnwagen und ausrangierten Containern: Für viele Menschen undenkbar, doch in Altstätten ist vor zwei Jahren eine einzigartige Siedlung entstanden. In sogenannten Tiny Houses wohnen die Leute im Einklang mit der Natur. FM1Today hat sie besucht.
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Quelle: FM1Today

Unscheinbar zwischen Parkplatz und Coop gelegen, gibt es in Altstätten eine einzigartige Siedlung. Wohnwagen, Busse und Schiffscontainer reihen sich in der «Zwischennutzung Gärtnerei» aneinander und dienen den Bewohnenden als Zuhause. Rundherum wächst die Natur in ihrer schönsten Form. An den Bäumen hängen reife Äpfel, überall wachsen bunte Blumen und Hühner spazieren gemächlich über die Strasse. «Ich geniesse es, so nahe an der Natur zu wohnen», sagt Viviane Wisler, die mit ihrem Lebenspartner in einem der Container wohnt.

Leben in einem ehemaligen WC-Container

Bereits als Kind wollte die Spitex-Mitarbeiterin und Reittherapeutin in einem Bauwagen wohnen. Ihr heutiges Zuhause ist ein ehemaliger WC-Container und 13 Quadratmeter gross. «Zusammen mit meinem Lebenspartner habe ich eineinhalb Jahre an dem Ding gebaut», sagt Wisler. Das Resultat lässt sich sehen. Im Boden sind kleine Schubladen versteckt, ein Sofa sorgt für eine heimelige Stimmung und eine kleine Küche dient nicht nur der Zubereitung von Essen, sondern wird im Winter auch zur Heizung umfunktioniert. Ein Badezimmer gibt es nicht, das befindet sich am Ende der Strasse und wird mit allen geteilt. Für fliessend Wasser ist gesorgt.

«Für mich bedeutet ein solches Leben Freiheit»

Sie müsse auf nichts verzichten, so die gebürtige Walzenhauserin. « Für mich hat es einen extremen Mehrwert. Wenn ich etwas kaufe, habe ich es nicht in zehnfacher Ausführung. Ich gehe viel achtsamer mit den Dingen um.» Sie habe schon vor dem Leben im Container versucht, die eigenen Besitztümer auf ein Minimum zu reduzieren. «Für mich bedeutet ein solches Leben Freiheit», sagt die Reittherapeutin, die sich selber als Grossmutter der Siedlung bezeichnet.

Zusammenleben als grosses Plus

Auf dem Areal gibt es einen Ämtliplan, wie man ihn aus einer WG kennt. An einem Tag im Monat pflegen die Bewohnenden das gesamte Grundstück. Sowieso sei das Leben in der Gärtnerei mit einem WG-Leben zu vergleichen. «Man kann das Leben teilen. Fast täglich sitzen wir alle zusammen da und geniessen den Austausch», sagt Wisler. Derselben Meinung ist Janine Müller. Die Sozialpädagogin, die mit ihrem Freund in einem umgebauten Bus wohnt, sagt: «Man ist hier nie allein, dass schätze ich sehr. Es ist immer jemand da, wenn du jemanden brauchst. Trotzdem hat jeder seinen Rückzugsort.»

«Gemeinschaftsgarten und Hühner, das ist Lebensqualität»

Für sie sei es logisch gewesen, in die Gärtnerei zu ziehen, als sie vom Angebot erfahren habe, so die Rheintalerin. «Wir waren mit dem Bus auf Reisen und wollten nur in unserem Bus wohnen. Er ist unser Zuhause», sagt Müller. Ausserdem gebe es für sie nichts schöneres, als der Natur so nah zu sein: «Wir sind so oft draussen, haben ein Treibhaus, einen Gemeinschaftsgarten und die Hühner laufen frei rum, das ist für mich Lebensqualität.»

Gemischte Reaktionen auf die Gärtnerei

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Siedlung schätzen, dass sie weniger Geld brauchen, sie geniessen den Minimalismus. Trotzdem wollen sie niemandem aufdrücken, auch so leben zu müssen und verstehen auch die kritischen Meinungen. Martina Seitz, die bereits vor dem Umzug in die Gärtnerei auf einem Campingplatz gewohnt hat, sagt: «Neben den viele begeisterten Reaktionen gibt es auch immer skeptische Fragen. Zum Beispiel: Was macht ihr hier oder macht ihr das wirklich freiwillig?» Sie verstehe das, schliesslich könne man es ja viel einfacher haben und sehr komfortabel wohnen. «Nicht jeder will im Winter Holz hacken und die Kälte so intensiv spüren», sagt die Berneckerin.

Umzug in eine Wohnung ist keine Option

Bei allem Verständnis wäre aber eine Wohnung für keine der Befragten eine Option. Sie sind sich einig: Das Leben in der Gemeinschaft macht aktuell zu viel Spass und bietet ihnen genau das, was sie sich wünschen. «Ich würde den Sternenhimmel vermissen, wenn ich nachts auf die Toilette gehe», fasst Seitz in einem Satz zusammen.

Am 25. September findet ein Tag der offenen Tür statt, an dem Interessierte das ganze Areal besichtigen können.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 12. September 2021 06:41
aktualisiert: 13. September 2021 09:21