«Fussgänger werden ausgeschlossen»

Vanessa Kobelt, 12. Juni 2018, 07:20 Uhr
Das Projekt «Prestegg» in Altstätten hat von der Bevölkerung die Zusage erhalten. Damit verschwindet auch der Durchgang von der Gerbergasse zur Obergasse. Das macht vor allem den lokalen Lädeli zu schaffen.

Mit 59,8 Prozent Ja-Stimmen haben die Altstätterinnen und Altstätter am Sonntag einen Kredit von 2,5 Millionen Franken für das neue Zentrum für Geschichte und Kultur bewilligt. Das Zentrum soll mitten in der Altstadt von Altstätten in der Liegenschaft «Prestegg» entstehen. Es beinhaltet ein Museum und einen Theatersaal für das Diogenes-Theater.

Eröffnung Mitte 2021

«Wir sind sehr erfreut über den Entscheid», sagt Paul-Josef Hangartner, Präsident der Museumsgesellschaft Altstätten. «Es ist ein grosses Kulturprojekt und es ist nicht selbstverständlich, dass die Bevölkerung dahinter steht.» Die Detailplanung des Projekt ist bereits abgeschlossen, jetzt wird das Baubewilligungsverfahren eingeleitet. Läuft alles nach Plan, so rechnet Paul-Josef Hangartner damit, dass das Zentrum für Geschichte und Kultur Mitte 2021 eröffnet werden kann.

Tor zwischen Gassen wird geschlossen

Sehr intensiv beschäftigt hat sich die Museumsgesellschaft mit dem Durchgang von der Gerbergasse zur Obergasse, ein Tor, das es schon seit mehr als hundert Jahren gibt. «Wir können das Zentrum nicht bauen und das ganze Synergie-Potenzial nutzen, ohne dass wir den Durchgang schliessen», sagt Hangartner. Exakt dieser Punkt aber stösst manchem Ladenbesitzer und Anwohner in der Obergasse sauer auf.

«Lädeli-Sterben wird begünstigt»

Stefan Manser ist der Besitzer des Käsespezialgeschäftes «Chäsi Manser» in der Obergasse. Als Ladenbesitzer hat er besonders Mühe mit dem Entscheid. «Ich finde es sehr schade, dass man so einen Durchgang zumacht. Das Tor ist eine wichtige Verbindung zwischen den beiden Gassen und ist sehr einladend. Ohne das Tor werden die Fussgänger ausgeschlossen.» Für Manser begünstigt dieser Entscheid das Lädeli-Sterben in Altstätten. «Wenn man uns diesen Durchgang wegnimmt, müssen wir schauen, dass uns die Leute überhaupt wieder finden. Die Fussgänger gehen dann andere Wege und man wird plötzlich vergessen.»

Hoffnung noch nicht aufgegeben

Ähnlich sieht es auch Rainer Jaquemet, der zwei Häuser in der Obergasse gekauft hat. Dort drin sollen Wohnungen entstehen. «Ich finde, dass der Eingang unbedingt offen bleiben muss. Es ist eine wichtige Verbindung Richtung Migros und zur nächstgelegenen Bushaltestelle.» «Geht man durch das Tor, steht man in einem wunderbaren Garten. An anderen Orten würde man dafür viel Geld zahlen und hier macht man es zu. Das ist einfach schade.» Sowohl Rainer Jaquemet als auch Stefan Manser haben die Hoffnung auf eine andere Lösung noch nicht aufgegeben. «Wir werden jetzt prüfen, ob man noch etwas dagegen unternehmen kann. Vielleicht gäbe es einen Kompromiss, bei dem ein Durchgang entsteht, der tagsüber offen ist und abends schliesst», erklärt  Jaquemet.

«Eine Chance für Ladenbesitzer»

Nicht ganz so tragisch sieht es der Vorstand der Interessengemeinschaft Einkaufsstadt Altstätten IGEA. «Wir stehen hinter dem Projekt», sagen die beiden Co-Präsidentinnen Karin Frei und Mirjam Seitz. Grundsätzlich sei es schon so, dass der Durchgang von Einkäufern genutzt wird, um in die Obergasse zu gelangen. Jedoch bedeute die Schliessung des Tors nur einen minimalen Umweg für den Fussgänger. «Da der Fussgängerstreifen in der Gerbergasse in diesem Bereich seitens Kanton sowieso entfernt werden muss, würde der Fussgänger sich so oder so einen anderen Weg suchen müssen. Wir denken, das neu entstehende Zentrum für Geschichte und Kultur wird wieder neue Menschen nach Altstätten locken. Der Weg zur ‹Prestegg› führt über die Obergasse, was durchaus auch als Chance für uns Ladenbesitzer angesehen werden kann.»

Ein schöner Platz für alle

Das findet auch Paul-Josef Hangartner. «Ich verstehe es, dass es Mühe bereitet, wenn ein Durchgang nach so vielen Jahren zugeht. Aber ich habe nicht die gleichen Befürchtungen, wie die Lädeli-Besitzer. Die Wege sind kurz und die Fussgänger erreichen die Obergasse auch so.» Hangartner hofft, dass sich die Leute mit der Zeit daran gewöhnen. Die Museumsgesellschaft möchte für die Obergasse einen offenen Blick auf den Innenhof des Zentrums schaffen, so dass für alle ein schöner Platz entsteht. «Wir fühlen uns gegenüber den Anwohnern, den Ladenbesitzern und auch der Stadt verpflichtet, dass wir etwas ganz Tolles mit dem alten Gebäude machen. So, dass die Altstadt und auch die Obergasse aufgewertet werden.»

Vanessa Kobelt
veröffentlicht: 12. Juni 2018 07:20
aktualisiert: 12. Juni 2018 07:20