«Haben im Leben noch nie so gefroren»

Lara Abderhalden, 30. Oktober 2017, 18:24 Uhr
Eine Nacht auf dem harten Boden einer Dusche, die Füsse voller Blasen und Überlebensängste: Der St.Galler Silvan Egli und der Liechtensteiner Gabriel Primoceri sind für ihre Lehrabschlussprüfung von Balzers nach Locarno gelaufen. Bei eisigen Temperaturen.

«Ich habe irgendwie geistig ausgeklinkt und war nur noch im Überlebensmodus», beschreibt Silvan Egli den Tiefpunkt der Reise zu Fuss von Balzers nach Locarno. «Er war psychisch nicht mehr derselbe», erzählt Gabriel Primoceri.

Am Anfang haben sie noch nicht geahnt, welche Herausforderungen auf sie zukommen würden. Die Idee ist Silvan Egli und Gabriel Primoceri im Rahmen einer Projektarbeit gekommen, die sie für die Lehrabschlussprüfung als Fachmann Betreuung mit Kindern verfassen müssen. «Wir wussten am Anfang einfach, dass wir Richtung Italien laufen wollen. Schliesslich haben wir uns ursprünglich für Lugano entschieden und die Route herausgesucht.»

Hier starteten die beiden Jungs (Bild: zVg)
Hier starteten die beiden Jungs (Bild: zVg)

Churer wollten die beiden nicht aufnehmen

Am vergangenen Freitag gingen die beiden Jugendlichen direkt von der Schule nach Balzers, an den Wohnort Gabriels, wo ihr Trip begann. «Wir haben uns gesagt, wir machen die Tour, egal ob es regnet, schneit oder hagelt. Bereits als wir am Mittag starteten, waren wir innert kürzester Zeit komplett durchnässt und haben immer wieder unter Brücken Schutz gesucht.»

Vor dem Regen haben sie unter Brücken Schutz gesucht. (Bild: zVg)
Vor dem Regen haben sie unter Brücken Schutz gesucht. (Bild: zVg)
© Vor dem Regen haben sie unter Brücken Schutz gesucht (zVg)

Die erste Etappe führte den 19- und den 22-Jährigen von Balzers nach Chur. Ungefähr 35 Kilometer lang war der Abschnitt. In Chur wollten die beiden bei einer Familie hospitieren. Ihr Plan war es, für die Nächte kein Geld auszugeben. «In Chur war das sehr schwierig und deprimierend. Wir waren körperlich am Arsch und haben bei so vielen Menschen geklingelt aber alle haben abgelehnt», erzählt Silvan. Durch Zufall seien sie dann fix und fertig auf einen Camping gestossen und konnten dort ihr Notfallzelt aufstellen.

«Wir waren kurz davor abzubrechen»

«Es war kalt. Ich glaube, wir haben in unserem ganzen Leben noch nie so gefroren. Ich habe geistig ausgeklinkt und war nur noch im Überlebensmodus.» Die beiden hätten sich in alles mögliche eingewickelt: «Ich habe mich in Zeitungspapier gewickelt, den Rucksack auf mich gestellt, hatte eine Mütze an und bin trotzdem fast erfroren», beschreibt Silvan die Horrornacht. «Als ich Silvan in der ersten Nacht so gesehen habe, das war schlimm. Er hat dermassen gefroren, dass er psychisch nicht mehr der gleiche war», erzählt Gabriel.  An diesem Punkt seien die beiden kurz davor gewesen, die ganze Sache hinzuschmeissen und abzubrechen.

Ihre Rettung war eine öffentliche Dusche auf dem Camping. «Wir haben gemerkt, dass es in der Dusche warm war, da haben wir unsere Schlafsäcke genommen und uns in der Dusche auf den Boden gelegt. Es war uns egal, dabei auf dem harten Boden zu schlafen», so Silvan und Gabriel ergänzt: «Ich weiss nicht, ob wir die Nacht ohne die Dusche überlebt hätten.» Viel geschlafen hätten die beiden aber nicht, «höchstens vier Stunden». Immer wieder sei jemand in der Dusche aufgetaucht. «Wenn wir so zurück denken, ist es wahnsinnig, dass wir für die Nacht auf dem Duschboden sogar noch Geld ausgegeben haben», sagt Gabriel. Er werde den Moment niemals vergessen.

Vom Zelt wurde in die Dusche gezügelt, da war es wenigstens warm. (Bild: zVg)
Vom Zelt wurde in die Dusche gezügelt, da war es wenigstens warm. (Bild: zVg)
© Vom Zelt wurde in die Dusche gezügelt, da war es wenigstens warm. (Bild: zVg)

Trotzdem habe genau diese Grenzerfahrung sie auch etwas gelehrt, meint Silvan: «Es war eine gute Erfahrung und hat uns gezeigt, wozu der Körper in einer Notsituation alles fähig ist. Unglaublich. Es war ein harter Duschboden und immer wieder ging jemand auf die Toilette oder duschen, aber es war warm.»

«Mein kleiner Zeh war eine Blase»

Umso anstrengender sei die zweite Etappe von Chur nach Thusis gewesen: «Körperlich ging kaum noch etwas. Es war die schlimmste Tour.» Die beiden seien körperlich und psychisch am Ende gewesen. «Ausserdem hatten wir beide Blasen an den Füssen, wie wir sie noch nie hatten. Mein kleine Zehe bestand nur noch aus einer Blase. Jeder Schritt hat weh getan. Wir konnten die Füsse nicht mehr heben, die Beine nicht mehr heben und der Rucksack war schwer.»

Blasen an den Füssen machten den beiden zu schaffen. (Bild: zVg)
Blasen an den Füssen machten den beiden zu schaffen. (Bild: zVg)
© Blasen an den Füssen machten den beiden zu schaffen. (Bild: zVg)

Irgendwie haben es die beiden dennoch geschafft, sich gegenseitig zu motivieren und den Weg bis nach Thusis zu gehen. Dort hätten sie sich aber entschlossen, einen halben Tag zu pausieren. Bei einer Familie fanden sie Unterschlupf und endlich etwas warmes zu essen: «Wenn das Essen fehlt, fehlt einem die Kraft beim laufen. Man denkt sich oft, es geht nicht mehr, ich kann mich nicht weiter bewegen.»

Ziel musste verschoben werden

Gestärkt und ausgeruht machten sich die beiden am Samstagabend dann auf eine Nacht-Tour. Sie starteten um 22 Uhr und kamen um vier Uhr morgens in Andeer an. «Von dort haben wir uns entschieden den Bus nach Bellinzona zu nehmen.» Die Tour über den San Bernadino sei zeitlich nicht mehr drin gelegen und die Nachtwanderung hatte sie «körperlich zerstört».
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In Bellinzona angekommen suchten sie sich eine Jugendherberge und verbrachten dort den Tag und die Nacht. Von Bellinzona aus sind die beiden heute Montag nach Locarno aufgebrochen: «Wir mussten unser Ziel von Lugano nach Locarno verschieben», sagt Silvan Egli, aus zeitlichen Gründen.

Vier Kilogramm abgenommen

Dort sind sie nun angekommen. Mit Blasen an den Füssen, durchgefroren und viel zu schweren Rucksäcken. «Der Himmel ist knallblau», schwärmt Gabriel, «ich möchte mich am liebsten ausziehen und ins Wasser springen.» Durch die Reise habe er seinen Körper besser kennengelernt. Er habe gemerkt, wie weit einem die innere Motivation treiben kann: «Auch wenn ich keine Energie mehr hatte, mein Rucksack mir die Nerven eingeklemmt hat, die Füsse schmerzten und ich nichts mehr spürte, der Wille war immer da.» Immer wieder habe er sich gesagt «Das musst du schaffen. Das musst du erreichen.»

Gabriel und Silvan sind in Locarno angekommen. (Bild: zVg)
Gabriel und Silvan sind in Locarno angekommen. (Bild: zVg)
© Gabriel und Silvan sind in Locarno angekommen. (Bild: zVg)

Auch für Silvan war es eine völlig neue Erfahrung: «Wir sind an unsere körperlichen Grenzen gestossen. Wir haben den Weg unterschätzt, vor allem wenn es bergauf ging.» Dennoch hätten sie in den 103 Kilometern Fussmarsch auch einiges gelernt: «Mir ist aufgefallen, wie faul die Menschen sind. Bereits kurze Strecken werden mit dem Auto zurück gelegt. Das möchte ich ändern. Ich werde versuchen mehr kurze Strecken zu Fuss zu gehen.»

Ausserdem fühle er sich gesund und körperlich fit. «Ich habe ungefähr vier Kilogramm abgenommen und hatte nie den Anflug einer Erkältung oder Grippe.» So schnell werden die beiden trotzdem nicht wieder auf eine so lange Tour aufbrechen. «Jetzt ist erst einmal genug. Wir sind stolz und sprachlos. Jetzt gönnen wir uns ein kaltes Bier und dann sehen wir weiter.»

Lara Abderhalden
veröffentlicht: 30. Oktober 2017 18:24
aktualisiert: 30. Oktober 2017 18:24