Wegen Corona-Lockdown

Häusliche Gewalt: Schutzorganisationen stark ausgelastet

14. Mai 2020, 19:38 Uhr
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Quelle: tvo

Was als Schutz vor dem Coronavirus dient, wird offenbar zur Gefahr für Frauen und Kinder: die Weisung des Bundes, zu Hause zu bleiben. Das Kindesschutzzentrum und das Frauenhaus in St.Gallen befürchten eine hohe Dunkelziffer der Fälle häuslicher Gewalt.

Die letzten zehn Fälle, die beim St.Galler Kindesschutzzentrum eingingen, betrafen alle Sexualstraftaten innerhalb der Familie. «Vergewaltigung, Inzest, sexuelle Belästigung oder das Fotografieren von Kindern im sexualisierten Bereich gegen deren Willen», zählt André Baeriswyl-Gruber, Leiter der Beratungsstelle In Via im Kindesschutzzentrum, im Interview mit TVO auf.

«Klar, dass es sexuelle Gewalt gab»

Während sich die Fälle häuslicher Gewalt im Kanton St.Gallen auf ähnlichem Niveau wie 2019 bewegen, beobachtet das St.Galler Kindesschutzzentrum einen Anstieg der Gewalt gegen Kinder um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. «Alle bei uns im Team sind momentan ausgelastet. Wir sind erstaunt, wie sehr wir es momentan mit Fakten zu tun haben.» Es werde nicht bloss erzählt, dass sich etwas abgespielt haben könnte. «Es ist klar, dass sich sexuelle Gewalt abgespielt hat», sagt Baeriswyl.

In Familien mit Gewalt zwischen Partnern komme es auch immer wieder vor, dass die Kinder zu Opfern werden. Weitere Risikofaktoren seien Kontrolle, Unterdrückung und Isolation – letzterer Punkt ist für viele Familien in der Coronazeit eine Realität.

Auch das St.Galler Frauenhaus war während des Lockdowns eine rege genutzte Anlaufstelle: Es seien massiv mehr Anrufe von Angehörigen eingegangen. «Weil sie sich Sorgen um eine Frau machten und sie nicht erreichten», erklärt Leiterin Silvia Vetsch.

Ein Dutzend Kinder im Frauenhaus

Das Frauenhaus sei in den letzten Wochen praktisch immer voll gewesen. Normalerweise kommen laut Vetsch neben den Frauen rund sieben Kinder im Frauenhaus unter, während des Lockdowns sei es rund ein Dutzend gewesen. «Über einen so langen Zeitraum kommt das eher selten vor.»

Beide Organisationen rechnen damit, dass mit jedem Schritt zurück in den Alltag weitere Gewalttaten ans Licht kommen könnten. Sie gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus.

(lag)

Quelle: TVO
veröffentlicht: 14. Mai 2020 19:32
aktualisiert: 14. Mai 2020 19:38