«Halloween gehört nicht hierher»

Vanessa Kobelt, 1. November 2017, 08:55 Uhr
Kürbisfratzen vor der Haustüre, Zombie-Masken im Supermarkt und Plakate, die für Gruselpartys werben. Halloween findet man fast überall in der Ostschweiz, doch nicht überall ist der Brauch willkommen. In Bernhardzell im Kanton St.Gallen will man von Halloween nichts wissen.

Es ist eisig kalt in Bernhardzell, dicke Wolken ziehen über das kleine Dorf. Die Strassen sind menschenleer. Die fast schon gruselige Stimmung passt zum 31. Oktober. Es ist Halloween. Ein Brauchtum, das hier im Dorf nicht überhandgenommen hat. Keine Deko, keine Plakate… nur ein paar Kürbisse schmücken einzelne Briefkästen. «Die stehen da nur, weil Kürbisse zurzeit im Garten wachsen», sagt Lydia Bop, Besitzerin des Dorfladens in Bernhardzell in der Gemeinde Waldkirch. Auch im Laden sind keine Halloween-Artikel zu finden.

Ein Brauch, den es nicht braucht

Lydia Bop kennt Halloween erst seit einem oder zwei Jahren. Kein Grund, im Dorfladen etwas zu ändern. «Wir sind altmodisch», sagt sie lachend, «wir machen da nicht mit.» Der aus Irland stammende Brauch hat, laut Lydia Bop, nichts in Bernhardzell verloren. «Für mich gehört das nicht in die Schweiz. Wir haben die Fasnacht und den Räbeliechtli-Umzug. Wozu braucht es also Halloween?» Mit dieser Meinung ist Lydia Bop nicht alleine.

Ein älterer Herr mit grünem Hemd und schwarzem Faserpelz betritt den Dorfladen. Auch er hat eine klare Meinung zu Halloween. «Dieser Brauch sollte dorthin zurück, wo er herkommt. Ich gebe den Kindern nichts, die an meiner Haustüre klingeln.»

Süsses oder Saures

Aller Ablehnung zum Trotz. Dass Halloween vor der Tür steht, merkt man auch in Bernhardzell. «Die Erwachsenen kaufen seit ein paar Tagen viel mehr Süssigkeiten als sonst, Gummibärchen und Schöggeli», sagt Lydia Bop. Jugendliche hätten an ihrer Haustüre aber noch nie geklingelt. «Es sind nur die ganz kleinen, oft sogar in Begleitung ihrer Eltern.»

Umso mehr musste Lydia Bop schmunzeln, als ein offizieller Brief der St.Galler Kantonspolizei hereinflatterte. Darin wurden die Geschäfte davor gewarnt, Eier, Mehl oder Rasierschaum an Kinder oder Jugendliche zu verkaufen. «Wir müssen uns nicht davor fürchten, dass Kinder irgendwelche Sachen beschädigen. Hier im Dorf kennt man einander, hier traut man sich nicht, an Halloween irgendwelche Streiche zu spielen.» Somit verkaufe sie auch weiterhin Eier und Mehl. «Sollte doch mal etwas passieren, würde ich die Sachen nicht mehr einfach über den Ladentisch geben, dann wäre ich knallhart.»

Alles verschmiert

Einmal gab es tatsächlich einen Vorfall, erinnert sich ein Gast im Restaurant «Adler». Der Gasthof befindet sich weiter unten an der halloweenlosen Strasse in Bernhardzell.  «Kinder haben einmal die Fassade eines Restaurants mit Eier beworfen. Die ganze Wand, inklusive Fenster, war verschmiert. Die Wirtin brachte sie fast nicht mehr sauber und hatte den ganzen Tag Arbeit.»

Auch hier am Stammtisch ist man sich einig: Halloween gehört nicht hier her. «Dieser Brauch hat hier nichts verloren. Klar, wenn man die Kinder kennt, die an der Türe klingeln, gibt man ihnen schon etwas. Ich würde aber niemals extra etwas kaufen», sagt der Gast. Auch sein Sitznachbar findet, dass Halloween nicht in unsere Kultur passt. «Das ist nur ein "Nachäffen" von anderen Ländern», findet er.

Nicht nur die Gäste, auch das Restaurant «Adler» scheint nicht auf der Halloween-Schiene zu fahren. Einzig beim Verlassen des Lokals entdeckt man einen kleinen Kürbis mit Hexenhut. Er sitzt versteckt in der Ecke, als würde er befürchten, die Einwohner von Bernhardzell könnten ihm Gewalt antun.

Spiderman freut sich

Draussen ist es nach wie vor ruhig, von Weitem hört man ein Kinderlachen. Vielleicht erste Hexli und Geistli, die durch die Strassen ziehen? Eher nicht, dafür ist es noch zu hell. Um die Ecke ist ein Kindergarten, die Kinder spielen draussen Seilspringen mit ihrer Kindergärtnerin Martina Harringer. Auch hier scheint Halloween nur mässig ein Thema zu sein. «Ein paar Kinder haben mir erzählt, sie ziehen heute Abend in Begleitung von Tür zu Tür», sagt Martina Harringer. «Im Kindergarten behandeln wir Halloween aber nicht. Wir haben ja den Sankt Martin und den Laternenumzug.»

Der Brauch an sich, stört Martina Harringer aber nicht.  «Hauptsache die Kinder haben Freude», sagt sie lachend. Und das haben sie. Dem kleinen Robin, der direkt neben seiner Kindergärnterin steht, ist es ziemlich egal, woher die Tradition kommt. Er erzählt mit grossen Augen: «Ich darf heute Abend Spiderman sein.» Auch seine Mama hat zu Hause schon Süssigkeiten für die Kinder bereitstehen. Sie hat sie heute extra gekauft, im Dorfladen in Bernhardzell.

Vanessa Kobelt
veröffentlicht: 31. Oktober 2017 16:47
aktualisiert: 1. November 2017 08:55