«Ich habe mich an das Leid gewöhnt»

Laurien Gschwend, 13. November 2018, 05:53 Uhr
Vor vier Jahren entschied Peter Käser, seinen Traum zu verwirklichen und Reportagefotograf zu werden. Der 63-jährige St.Galler über seine Faszination, die Angst in Risikogebieten und Bettelbriefe.

Peter Käser ging schon immer gerne mit der Kamera durch die Welt. Als Jugendlicher liebäugelte er damit, sein Hobby zum Beruf zu machen – und entschied sich stattdessen für ein Studium zum Seklehrer. «Mein Wunsch, professionell zu fotografieren, rückte in den Hintergrund, da es schwierig war, damit eine Familie zu ernähren.»

Mit Flüchtlingen und Gefangenen gearbeitet

Nach vielen Jahren als Lehrer, Schul- und Heimleiter sowie Betreuer von Flüchtlingen, Gefangenen und Drogenabhängigen ist der heute 63-Jährige nun doch noch Fotograf geworden. Die drei erwachsenen Kinder sind mittlerweile ausgeflogen. «Ich muss nur noch für mich sorgen. Also habe ich eine Ausbildung zum Pressefotografen absolviert und mich selbständig gemacht.»

In den vergangenen vier Jahren hat der St.Galler für rund 20 Hilfsorganisationen 14 Länder besucht. «Die Aufträge erlauben es mir, recht schnell und nah an vielfältige Menschen heranzukommen», sagt Käser, «das finde ich persönlich sehr bereichernd». Die Werke des Ostschweizers landen in Drucksachen und auf den Online-Auftritten der NGOs.

«Tropfen auf den heissen Stein»

Die verschiedenen Kulturen kennenzulernen, habe aber auch etwas Beklemmendes. «Ich reise oft in Länder mit grosser Armut, fehlender Gesundheitsversorgung und einem ungenügenden Schulwesen. Die Hilfswerke versuchen zwar, die Notstände ein Stück weit zu lindern, doch manchmal ist es eben nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Trotz der Schwierigkeit, in den Ländern etwas verändern zu können, hält Käser Spenden für sinnvoll. «Uns geht es so gut. Wir müssen vermutlich auf wenig verzichten, wenn wir einen Betrag spenden.» Der Fotograf erhält diese Tage selber immer wieder Bettelbriefe. «Man kann mal auf so einen reagieren. Oder aber eine Organisation auswählen, die sich für etwas einsetzt, das einem am Herzen liegt und diese langfristig unterstützen.» Ausbildung, Gesundheit oder Wasserqualität seien mögliche Gebiete.

Seriöse Schweizer Hilfsorganisationen werden mit dem ZEWO-Siegel zertifiziert. Was du vor einer Spende beachten solltest, erfährst du hier.

Keine Jobs für Ausgebildete

Wenn Peter Käser über seine Arbeit als Fotograf spricht, sind seine Anliegen als ehemaliger Pädagoge deutlich zu spüren: «Was mich am meisten belastet, ist die Ausweglosigkeit in den Ländern. Junge, die gut ausgebildet sind, finden meist keine adäquate Arbeitsstelle. Sie müssen froh sein, wenn sie Taxifahrer werden oder auf dem Hof der Eltern Mais oder Maniok pflanzen können.» Es hätten ihn auch schon Leute gefragt, ob er ihnen nicht einen Job in Europa vermitteln könne, erzählt der 63-Jährige. Das zu erfüllen, liege aber nicht in seiner Macht.

Angst hat nur der Vater

Obwohl er regelmässig in Ländern mit hohem Sicherheitsrisiko arbeitet, hat Peter Käser keine Angst, wie er gegenüber FM1Today sagt. «Das tönt jetzt blöd, aber ich habe mich an das Leid gewöhnt.» Mulmig sei es ihm beispielsweise nur geworden, als er 2016 im Nordirak zehn Kilometer neben der bewachten Grenze des Islamischen Staat (IS) war. «Ich wäge vor einem Auftrag immer die Risiken ab. Meine Kinder reisen selber oft in exotische Länder. Sorgen um mich macht sich nur mein 93-jähriger Vater.»

Im Homeoffice in St.Gallen-Bruggen bearbeitet Peter Käser seine Aufnahmen aus Zentralafrika. (Bild: FM1Today/Laurien Gschwend)

Im Januar nach Haiti

Vor einigen Tagen ist Käser aus der Zentralafrikanischen Republik mit tropischen 35 Grad zurück in die herbstliche Schweiz gereist. Einen Kulturschock verspüre er nie, sagt der 63-Jährige. Er kann sich jedoch nicht vorstellen, immer nur unterwegs zu sein. «Ich mag es auch, in der Schweiz auf Hochzeiten oder an Familienfesten zu fotografieren und Firmenreportagen zu machen.»

Leer bleibt die Reisetasche des Fotografen nicht lange. «Ein NGO hat mich angefragt, ob ich im Januar nach Haiti reisen möchte.»

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 13. November 2018 05:53
aktualisiert: 13. November 2018 05:53