St.Gallen

«Ich möchte sie einfach umarmen» – Ex-Junkie sucht seine Lebensretter

Dario Brazerol, 5. Mai 2020, 14:37 Uhr
Markus wollte sich das Leben nehmen. Nur durch den beherzten Einsatz eines Pärchens konnte er dem Tod von der Schippe springen. Nun sucht der frühere Suchtkranke seine Lebensretter.
Heroin und Kokain bestimmten das Leben von Markus*. (Symbolbild)
© iStock

Markus* sitzt auf einer Bank im Garten seines Hauses, irgendwo im toggenburgischen Nirgendwo. In der einen Hand eine Zigarette, in der anderen ein Glas Weisswein. Sein ärmelloses Shirt gewährt freien Blick auf die fast komplett tätowierten Arme des heute 38-Jährigen. Der Mann hat vieles erlebt. Dass er heute davon erzählen kann, ist nicht selbstverständlich.

Markus wollte nicht mehr leben. Im St.Galler Stadtpark wollte er seinem Leben ein Ende setzen. Zu viel war ihm alles geworden, der Verstand zu betäubt von den Drogen, um klar zu sehen, zu ungewiss die Zukunft. Der letzte Ausweg war ein finaler Rausch mit gewissem Ausgang ins Ungewisse. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit Markus.

Früher Start in die falsche Richtung

Vor über 20 Jahren fing alles an. Kurz vor der Jahrtausendwende war Markus 17 Jahre alt, absolvierte eine Lehre als Stromer und versuchte, seinen Platz im Leben noch zu finden. Doch schon bald spürte der Teenager, dass der Weg ins Erwachsenenleben mit Versuchungen gespickt war: «Ich habe die falschen Freunde kennengelernt, habe meine Lehrstelle verloren. Dann kam zunächst der Alkohol und danach die härteren Drogen mit ins Spiel», sagt Markus.

«Ich war damals in St.Gallen, Zürich, Bern und Basel auf der Gasse. Ich habe die ganze Drogenszene der Schweiz durchwandert.» Zu dieser Zeit wog der junge Mann gerade noch 43 Kilogramm. Viele Male hatte Markus versucht, von Kokain und Heroin wegzukommen. Doch die Drogen waren stärker. Beziehungen zerbrachen daran, seine eigene Mutter wusste für mehrere Jahre gar nicht, ob ihr Sohn noch lebte. Die einzigen Lebenszeichen waren Rechnungen von Spitalaufenthalten. «Sie hat mich aber nie aufgegeben», sagt Markus.

Mit der Liebe kommt die Normalität

2009 gab es einen Lichtblick für Markus. Martina* trat in sein Leben – zum zweiten Mal. «Wir haben uns kennengelernt, als ich 17 war. Schon damals hatten wir uns gern, haben uns aber aus den Augen verloren.» Mit Martina kamen die Liebe und die Normalität in Markus' Leben. Die Drogen wurden weniger, er konnte wieder als Stromer arbeiten, das Paar wünschte sich ein Kind. Lange sah es so aus, als könnte Markus seine dunkle Vergangenheit hinter sich lassen. Doch die Drogen waren wie ein Schatten hinter ihm her.

«Ich habe zu dieser Zeit viel gearbeitet, bis zu 18 Stunden pro Tag. Um wach zu bleiben, habe ich wieder mit dem Koksen angefangen. Folglich brauchte ich etwas, um mich runterzuholen. Das war das Heroin.» Die Drogensucht schlug Markus auf die Psyche, er war verwirrt. Selbstmordgedanken kamen auf. 2016 wurden sie brutale Realität. Mit 34 Jahren wollte er einen Schlussstrich unter sein Leben ziehen. «Für mich war das der einfachste Weg.»

Rettung in letzter Sekunde

Es war der 22. Mai 2014. Im Delirium legte sich Markus auf eine Bank im St.Galler Stadtpark, um zu sterben. Doch so weit kam es nicht: «Ein Pärchen hat mich gefunden, ist bei mir geblieben und hat die Rettung informiert. Sie haben mir das Leben gerettet.» Als Markus auf der Intensivstation aufwachte, war es aber noch keine Dankbarkeit, die er verspürte: «Im ersten Moment war ich enttäuscht, dass ich gerettet worden war.»

Aber Markus entschied sich, zu leben. Er machte einen Entzug und wollte nun endgültig von den Drogen wegkommen. Der Weg dorthin war lang und geprägt von Höhen und Tiefen. Ende 2016 wurde er aus der Entzugsklinik entlassen, clean und klar im Kopf. Seither war das Verlangen nach den Drogen weg und Markus startete in ein neues Leben. Vor zwei Jahren wurde dieses Glück mit der Hochzeit mit Martina und der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter gekrönt: «Ich bin so froh, dass ich heute noch lebe und dieses Glück mit meiner Familie geniessen kann.»

«Ich würde sicher weinen»

Doch etwas fehlt Markus noch. Er möchte seinen Rettern, die ihn auf der Parkbank gefunden haben, seinen Dank aussprechen: «Ich möchte mich persönlich bedanken. Dafür, dass sie den Mut hatten, zu helfen.» Markus wünscht sich ein Treffen mit den beiden, auch wenn er weiss, dass dies für ihn nicht einfach werden würde: «Ich würde sicher weinen. Ich bin ein sehr sensibler Mensch. Und wenn dann die Corona-Krise vorbei ist, möchte ich sie einfach umarmen und danke sagen.»

Markus, 38, Ex-Junkie – Familienvater und Ehemann. Er zieht an seiner Zigarette, nimmt den letzten Schluck Weisswein. Neben ihm im Garten spielt seine Tochter, seine Frau bereitet in der Küche das Abendessen zu. Es ist die perfekte Familienidylle irgendwo im toggenburgischen Nirgendwo. Alles nur, weil zwei Menschen den Mut hatten, nicht wegzuschauen.

*Namen geändert

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 11. Mai 2020 05:40
aktualisiert: 11. Mai 2020 05:40
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