Thomas Scheitlin

«Ich werde mich sicher nicht mehr einmischen»

Laurien Gschwend, 20. September 2020, 20:58 Uhr
Noch rund drei Monate, dann ist Thomas Scheitlin (67) nicht mehr St.Galler Stadtpräsident. Im Interview spricht der FDP-Mann über die letzten 14 Jahre als Oberhaupt seiner Herzensstadt – und die Zeit danach.

Thomas Scheitlin, am 27. September wird Ihre Nachfolgerin oder Ihr Nachfolger gewählt, die Stadt hängt voll mit Wahlplakaten. Wie fühlt sich das an?

Für mich ist es spannend, das Ganze aus Distanz zu beobachten. Zu sehen, welche Argumente hervorgebracht werden und wie der Wahlkampf abgeht, wenn man für einmal nicht mittendrin ist.

Als Sie Ende April bekanntgaben, im Herbst nicht mehr zur Wahl anzutreten, meinten Sie, es sei Zeit für einen Wechsel. Was soll sich ändern in der Stadtregierung?

Die Aufgabe ist sehr intensiv. Man arbeitet sieben Tage die Woche von morgens bis abends. Ich habe immer gesagt: Diesen Job kann man vielleicht 12 bis 16 Jahre machen, dann sollte man neue Kräfte ranlassen, welche die Stadt weiterentwickeln. Das ist in der Privatwirtschaft ähnlich. Ich bin aber der Meinung, dass wir in den letzten Jahren gute Grundlagen für den Wandel der Stadt geschaffen haben.

Werbung

Quelle: TVO

Worauf sind Sie besonders stolz?

Es sind drei Säulen, die für mich jeweils einen grossen Schritt bedeuteten: Wir haben das «Startfeld» gegründet, damit Jungunternehmer nicht mehr nach Zürich oder in andere Städte gehen müssen. Zudem haben wir den IT-Bereich gefördert und sind nun dabei, einen Medtech-Cluster aufzubauen.

Mit wem haben Sie in all den Jahren am liebsten zusammengearbeitet?

Ich bin ein Teamplayer, habe gerne Teams um mich herum, die innovativ und fordernd sind. Auf Einzelpersonen konzentriere ich mich nicht so sehr. Untereinander – im Stadtrat und auch in der Regierung – haben wir stets konstruktiv zusammengearbeitet, auch, indem wir kritisch miteinander waren.

Ihre Wahl zum Stadtpräsidenten im Jahr 2006 bezeichneten Sie damals als «überraschend». Wie wäre Ihr Leben ohne diese Überraschung verlaufen?

Ich hätte das Amt als Präsident der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, das ich schon sechs Jahre inne hatte, weitergeführt. Auch dann hätten mich vielfältige Aufgaben vom Spital bis zur Kultur beschäftigt, ich hätte meinen Weg sicher gefunden.

Warum hat Sie in den Folgejahren nie jemand vom Thron gestossen?

Dass ich in den Wahlen keinen unmittelbaren Gegner hatte, zeigt für mich persönlich, dass offenbar die Richtung, die ich eingeschlagen habe, und die Themen, die ich angesprochen habe, die richtigen waren. Ich stand in einem transparenten Austausch mit der Bevölkerung, was Vertrauen geschaffen hat. Man musste zum Glück nicht über mich sagen: «Es ist jetzt an der Zeit, dass er geht.»

Die grössten Schlappen in den letzten Jahren waren die beiden abgelehnten Marktplatz-Vorlagen. Klappt es beim dritten Versuch am Sonntag?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass es dieses Mal ein Ja geben wird. Wir haben einen partizipativen Ansatz gewählt und die Interessen der Beteiligten – etwa Anwohner, Taxiunternehmer und Markthändler – von Anfang an berücksichtigt. Davor hatten wir zuerst Pläne ausgearbeitet und diese dann präsentiert und diskutiert. Die diesmalige Vorlage ist breit abgestützt in allen Kreisen.

Eines Ihrer Anliegen war es auch, dass die Stadt St.Gallen durch Fusionen wächst. Warum funktionierte dies nicht?

Das Thema hat mich intensiv beschäftigt. Die heutigen politischen Grenzen entsprechen nicht der zukünftigen Entwicklung der Region. Nun ist es aber so, dass solche Zusammenführungen mit vielen Emotionen zu tun haben, welche die realpolitischen Themen überwiegen. Deshalb haben wir den Ansatz «Kooperation vor Fusion» gewählt und angefangen, in gewissen Feldern zusammenzuarbeiten. Hat man sich einmal kennengelernt, kann es ein möglicher nächster Schritt sein, zusammenzuwachsen.

In den letzten Monaten beschäftigte Sie vor allem die Pandemie.

Das war eine sehr besondere Zeit, die man so noch nie erlebt hat. Es war eine spannende Erfahrung, eine politische Behörde in solch einem Krisenmodus zu führen. Wir mussten den Führungsrhythmus anpassen und Voraussetzungen für Homeoffice schaffen. Alles in allem konnten wir beweisen, dass wir im Team gut zusammenarbeiten und viel bewegen können, auch wenn jeder Tag anders ist.

Wie sehen die letzten drei Monate in Ihrem Amt aus?

Ich muss das Budget über die Runden bringen, auch im Parlament. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die Zukunft, die sicherstellt, dass die Stadt handlungsfähig bleibt. Und natürlich gilt es, die Marktplatz-Abstimmung zu gewinnen. Ans Bremsen kann ich noch nicht denken.

Wie wird Ihr Leben danach aussehen?

Sicher nicht mehr politisch, auch wenn ich noch im Kantonsrat bleibe. Nach dem Prinzip «servir et disparaître» werde ich mich nicht in die Geschäfte des Stadtrates einmischen, das ist nicht richtig. Einige Mandate in Stiftungen verfolge ich weiter und ich engagiere mich gemeinnützig und kulturell. Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Befürchten Sie nicht, nach dem lebensfüllenden Job in ein Loch zu fallen?

Ursprünglich hatte ich geplant, für anderthalb Monate nach Australien und Neuseeland zu gehen, um einen Übergang zwischen dem hoch- und dem weniger intensiven Leben zu schaffen. Das wird bei den aktuellen Bedingungen wohl nicht möglich sein. Der Schritt ist sicher nicht einfach, das ist mir bewusst. Ich freue mich aber auch darauf, nicht mehr im gleichen Takt zu leben und Zeit für mich zu haben. Bald kann ich auch mal unter der Woche eine Tour mit dem Mountainbike machen.

Sie tragen selbst am OpenAir St.Gallen ein weisses Hemd. Wird man Sie in Zukunft auch in Jeans und T-Shirt durch die Stadt schlendern sehen?

Schon heute ziehe ich in meiner Freizeit Jeans und ein T-Shirt an, am Wochenende sieht man mich auch in kurzen Hosen. Für mich ist es aber wichtig, dass ein Stadtpräsident seine Stadt gegen aussen nicht in Jeans präsentiert. Mir gefällt ein gutes Aussehen. Es ist nicht richtig, sich diesbezüglich gehen zu lassen.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger auf den Weg?

Ratschläge für Projekte will ich keine geben, deshalb gibt es den Wechsel. Es gibt nur eines, was ich mitgeben möchte: Herzblut für diese Stadt. Die Stadt muss einem in diesem Job wirklich ans Herz gewachsen sein. Das ist meine Heimat und die soll sich entsprechend entwickeln. Damit in der Schweiz und über die Grenze hinaus gesagt wird: «Das ist eine ganz tolle Stadt, da musst du hin.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 21. September 2020 08:14
aktualisiert: 20. September 2020 20:58