Welt-Aids-Tag

«In der Coronakrise könnte die Arbeit rund um Aids zusammenbrechen»

1. Dezember 2020, 10:22 Uhr
Pietro Vernazza ist Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen.
© Tagblatt
Was einst als Todesurteil galt, ist heute behandelbar: HIV und Aids. Zu verdanken ist dies der Forschung und Präventionsarbeit. Wie in Zukunft eine Heilung von HIV und Aids möglich sein könnte, sagt Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen, im Interview.

Er hat jahrzehntelang zu HIV und Aids geforscht und sich für bessere Bedingungen in der Behandlung, aber auch in der Akzeptanz von HIV-positiven Menschen eingesetzt: Pietro Vernazza, Chefarzt der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Kantonsspital St.Gallen.

Wie hat sich die Prävention aus Ihrer Sicht seit den Anfängen entwickelt?

Pietro Vernazza: Die Aids-Prävention der Anfangsjahre setzte auf eine innovative Strategie der Selbstverantwortung: Sie gab den Leuten aktiv und offen die richtigen Informationen, damit diese ihr Risiko selbst einschätzen und eigenverantwortlich handeln konnten. Und das ohne den Mahnfinger. Das war ein Umbruch im Denken: Man akzeptierte, dass Menschen Drogen konsumieren und dafür saubere Spritzen brauchten. Die Prävention stoppte die Übertragungen im Drogenbereich. Betroffen waren danach hauptsächlich zwei Gruppen: Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), sowie die Migrationsbevölkerung.

Seit 2002 sinken die HIV-Infektionen in der Schweiz kontinuierlich: 2019 wurden 421 Neuansteckungen gemeldet. Für 2020 liegt die vorläufige Zahl bei 236 Infektionen. Die Aids Hilfe Schweiz führt diesen starken Rückgang auf die Corona-Pandemie zurück – auf weniger HIV-Tests beziehungsweise weniger ungeschützte Sexualkontakte. Wie sehen Sie das?

Sicher hat das «Corona-Jahr» sowohl das Verhalten als auch die Testaktivitäten beeinflusst. Im Moment ist es für eine Beurteilung noch zu früh.

Hat die PrEP (= Präexpositionsprophylaxe) in Form einer täglichen Pille zum Rückgang von Neuinfektionen beigetragen?

Die frischen Infektionen haben sich zwischen 2010 und 2017 schon halbiert. Die PrEP ist noch nicht so lange im Einsatz, um ihren Einfluss genau beziffern zu können. Der Anstieg der frischen Infektionen in 2019 spricht nicht gerade dafür. Doch die PrEP hat ein zusätzliches Potenzial gerade in der MSM-Gruppe: Es gibt immer noch junge Männer, die schlecht über HIV informiert sind und sich zu wenig mit ihrer sexuellen Orientierung auseinandersetzen. Dies, weil sie unter Umständen in einem Umfeld leben, in welchem Sex unter Männern ein Tabu ist. Diese Gruppe müssen wir besser erreichen. Die schwule Community dagegen ist mittlerweile sehr gut über die Risiken und Schutzstrategien informiert.

HIV lässt sich heute gut behandeln, aber noch nicht heilen. Ende 2019 liefen an die hundert Studien zur Heilung von HIV. Gibt es in der aktuellen Forschung Hinweise darauf, dass eine baldige Heilung von HIV in Sicht ist?

Einst sagte ich, dass Aids bis zu meiner Pensionierung heilbar sein werde. Aber nun drängt die Zeit etwas. Trotzdem bin ich überzeugt, dass in näherer Zukunft eine Heilung möglich sein wird. Ein Therapieansatz konnte mindestens in Tierversuchen nachgewiesen werden: Dabei werden körpereigene weisse Blutkörperchen (T-Zellen) genetisch so verändert, dass das HI-Virus nicht mehr an die T-Zelle andocken kann.

Welche Massnahmen braucht es in Zukunft bei der HIV-Prävention?

Das Wichtigste ist, dass die Prävention überhaupt weitergeht. In der momentanen Corona-Krise könnte die ganze Arbeit rund um HIV und Aids zusammenbrechen. Derzeit bestehen grosse Sorgen, dass Gelder dafür nicht mehr zu bekommen sind. Und wenn frühe Diagnosen und Behandlungen oder das PrEP-Programm nicht mehr möglich sind, dann führt dies irgendwann zu einer Population, die wieder infektiös wird, weil die Prävention und Therapietreue nicht mehr gegeben sind.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 1. Dezember 2020 10:22
aktualisiert: 1. Dezember 2020 10:22