In dieser Firma verdient jeder gleich viel

Lara Abderhalden, 9. Oktober 2017, 15:28 Uhr
Iman Nahvi führt das St.Galler Start-up, welches einen Einheitlohn hat.
Iman Nahvi führt das St.Galler Start-up, welches einen Einheitlohn hat.
© zVg
Software-Entwickler und CEO: Im St.Galler Start-up Advertima verdient jeder 8000 Franken. Dass das zu Unstimmigkeiten führt, haben sogar die Gründer angenommen, heraus kam es aber ganz anders.

Der Lohn ist wohl das Thema, über das in einem Unternehmen am häufigsten diskutiert wird. Der Eine fühlt sich benachteiligt, weil das Gspänli einen Tausender mehr verdient für die gleiche Arbeit, ein Anderer nervt sich, dass gewisse Leute überhaupt nichts tun und dennoch einen ganz schön grossen Batzen verdienen. Damit solche Diskussionen gar nicht erst entstehen, hat das St.Galler Start-up Advertima einen Einheitslohn eingeführt (20 Minuten berichtete).

Struktur aus dem 21. Jahrhundert

Dieses Lohnsystem gibt es seit nunmehr zwei Jahren, sagt CEO Iman Nahvi: «Wir waren uns bewusst, dass es auch negatives Feedback geben wird. Es wird immer Leute geben, die es nicht verstehen. Ich meine, ich habe auch studiert und ich weiss, dass ein Einheitslohn gewisse Nachteile mit sich bringt, aber in unserer Organisation hat er sich bisher bewährt.» Wir befinden uns im 21. Jahrhundert - eine Organisation müsse entsprechend aufgebaut sein.

Die Vorteile sind eigentlich ziemlich offensichtlich: «Wir haben eine volle Transparenz. Es gibt kaum Neid. Jeder weiss, wie viel der Andere verdient. Wir unterstützen uns gegenseitig und es gibt keine Trittbrettfahrer.» Bereits beim Vorstellungsgespräch wird der Lohn in den ersten zehn Minuten erwähnt: «Wir stellen nur Spezialisten ein. Bei uns gibt es keine Assistenten oder Praktikanten und wer den einheitlichen Lohn beim Vorstellungsgespräch schon ablehnt, passt nicht zu uns ins Team.»

Grösstes Unternehmen mit gleichem Lohn

Es sei wichtig, dass jeder im Team seine Verantwortlichkeiten habe. Es gibt bei Advertima keine Hierarchien. «Mache ich mehr, wenn ich mich um die Strategie und die Visionen kümmere und mit Investoren spreche, als jemand im Softwarebereich? Ich bin mit mir im Reinen, dass ich gleich viel verdiene wie jeder Andere in diesem Unternehmen.»

Wie lange das Prinzip des gleichen Lohnes noch fortgeführt werden kann, ist nicht klar: «Ich weiss bis jetzt noch von keiner Firma mit über 15 Mitarbeitern, die einen Einheitslohn hat. Unser Ziel waren einmal 25 Mitarbeiter, jetzt haben wir schon über 40. Ob es bei 100 Mitarbeitern noch klappt, wissen wir nicht.»

«Es braucht Mut und Disziplin»

Obwohl die Fluktuation im Unternehmen gegen Null geht, gebe es immer einige Exoten: «Es gibt Ausnahmefälle. Lustigerweise sind das sehr wenige Leute. Häufig Leute, die von einem Unternehmen kommen, in dem sie weniger verdient hatten. Sie beschweren sich dann, dass der am Pult nebenan zwei Stunden weniger gearbeitet hat. Solche Fälle gibt es aber höchstens ein- bis zweimal.»

Ansonsten sind alle zufrieden mit der Situation. Auf die Finger schaue man sich nicht: «Es hängt mit dem Charakter eines Menschen zusammen. Man muss im Team denken. Es braucht viel Mut und Disziplin. Es braucht eine Hierarchie die funktioniert. Der Einheitslohn ist nur eine der Komponenten im Gesamtpaket einer funktionierenden Organisationsstruktur.»

Advertima entwickelt eine Software, die mithilfe von Kameras, WiFi-Geräten und Mikrofonen die aktuelle Umgebung in der realen Welt analysiert und interpretiert. Eine Art künstliche Intelligenz. Angestellt sind beim Start-up 40 Mitarbeiter.


Lara Abderhalden
Quelle: abl
veröffentlicht: 9. Oktober 2017 15:00
aktualisiert: 9. Oktober 2017 15:28