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«Keine Chance, solche Täter zu erkennen»

Angela Mueller, 16. Januar 2019, 07:39 Uhr
In Chats hat er Teenies Nacktbilder geschickt, dafür wurde der St.Galler CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler verurteilt. André Bäriswyl-Gruber vom Kinderschutzzentrum St.Gallen erklärt, warum es unmöglich ist, einen Täter zu erkennen, was ein Missbrauch beim Opfer auslöst und warum es für die Jugendlichen schwierig ist, sich den Eltern anzuvertrauen.
André Bäriswyl-Gruber, der St.Galler CVP-Kantonsrat Michael Hugentobler hat Minderjährigen Nacktbilder geschickt. Was löst eine solche Tat bei den Opfern aus?

Bariswyl-Gruber: Häufig ist nicht nur die sexuelle Integrität betroffen, sondern auch die psychische Komponente: Jemand gewinnt das Vertrauen von jungen Menschen und missbraucht es. Für die Opfer ist es schwierig, zu unterscheiden, wem man vertrauen kann und wem nicht. Durch solche Taten kommen Jugendliche in eine Isolation und aus dieser Anonymität herauszukommen, ist schwierig.

André Bäriswyl-Gruber (Bild: pd)
© PD

War Hugentobler bewusst, welchen Schaden er anrichtet?

Ich glaube, er kann die Auswirkungen seiner Tat sehr wohl benennen. Die Täter sind keine Unwissenden, ganz häufig sind das clevere Personen, die ihre Vorteile und Lebenserfahrung nutzen, um an die Jugendlichen heranzukommen.

Kann man Täter im Vorhinein erkennen?
Nein, die Kinder und Jugendlichen haben keine Chance. Gerade erwachsene Täter sind clever und umgarnen die Opfer und deren Eltern auch in der realen Welt. Wenn es dann zu Übergriffen kommt, glaubt man den Jugendlichen nicht. Oft erzählen uns Jugendliche, dass ihnen etwas komisch vorgekommen sei oder dass sie ein ungutes Gefühl hatten. Sie habe eine sehr gute Wahrnehmung, wenn etwas nicht stimmt. Das ist der Zeitpunkt, um einem Kontakt abzubrechen sich an eine Vertrauensperson zu wenden. Doch das ist nicht so einfach wie es tönt.

Aber wie kann es passieren, dass junge Menschen ein solches Vertrauen zum Täter aufbauen?

Gerade im Netz ist es für junge Menschen nicht möglich, zu unterscheiden, ob das Gegenüber gleich alt, älter oder jünger ist: Man vertraut einander. Später wird es schwierig, den Kontakt abzubrechen, weil die Erwachsenen sehr subtil vorgehen, Vorteile versprechen. Häufig geraten die Teenager in ein Abhängigkeitsverhältnis, werden unter Druck gesetzt oder erpresst.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder zu schützen?

Es ist eine Illusion, zu sagen, die Kinder dürften nur mit Leuten chatten, die sie kennen. Wichtig ist, keine Nacktbilder oder intime Bilder zu verschicken – auch nicht an den festen Freund. Wenn die Beziehung auseinander geht, können sie nämlich für eine Erpressung missbraucht werden.

Wie muss ein Teenager vorgehen, wenn ein Verdacht besteht?

Dann muss man sofort den Kontakt abbrechen. Viele Opfer sagen, dass sie von Anfang an gedacht hätten, dass etwas nicht stimmt – diese Zeichen trügen meistens nicht.

Was, wenn es trotzdem zum Missbrauch kommt?

Es ist wichtig, dass die Jugendlichen mit einer Beratungsstelle, Bezugsperson oder einem Verwandten sprechen. Doch häufig können die Kinder nicht mit den Eltern reden, weil diese oft vor der Gefahr gewarnt haben. Das Kind schämt sich dann zusätzlich.

Wie müssen Eltern dann handeln?

Es darf dann keine Moralpredigt geben, sondern es geht darum, den Kindern vorurteilsfrei zu zuhören, sie ernst zu nehmen, für ihren Schutz zu sorgen und mit ihnen zu schauen, was sie brauchen. Dafür gibt es das Kinderschutzzentrum.

Was passiert im Kinderschutzzentrum?

Wenn sich jemand bei uns meldet, steht das Wohl und der Schutz der Betroffenen im Fokus. Wir schauen, was es braucht und welche Vertrauenspersonen man ins Boot holen kann. Oft geht es auch um juristische und therapeutische Unterstützung. Es ist aber ein Riesenschritt, aus dieser Isolation herauszukommen. Auch Angehörige und Fachpersonen können sich an das Kinderschutzzentrum wenden.

André Bäriswyl-Gruber ist Co-Geschäftsführer des Kinderschutzzentrums St.Gallen und leitet die Beratungsstelle «Via», Opferhilfe für Kinder und Jugendliche und Fachstelle Kindesschutz.

Interview: Angela Müller 

Angela Mueller
veröffentlicht: 16. Januar 2019 07:39
aktualisiert: 16. Januar 2019 07:39