Kirchen machen Druck auf Eltern

René Rödiger, 7. Mai 2019, 15:39 Uhr
An den Jonschwiler Schulen gilt eine neue Absenzregelung. (Symbolbild)
An den Jonschwiler Schulen gilt eine neue Absenzregelung. (Symbolbild)
© Keystone/Christian Beutler
Das Fach Ethik, Religion und Gemeinschaft wird im Kanton St.Gallen wahlweise von Religions- oder Klassenlehrern unterrichtet. Wegen Absprachen und Druckversuchen wollen das die St.Galler Kantonsräte ändern.

Es ist nicht alltäglich, dass gleich vier Kantonsräte der Parteien CVP, FDP, SP und SVP einen gemeinsamen Vorstoss unterzeichnen. Für einmal sind sie sich jedoch über die Parteigrenzen einig: Die St.Galler Speziallösung im Lehrplan 21 ist ein Fehlkonstrukt. Schülerinnen und Schüler müssen sich beim Fach Ethik, Religion und Gemeinschaft (ERG) zwischen dem Angebot der Schule und demjenigen der Kirche entscheiden. Beide Varianten gehören zum normalen Unterricht.

Was laut den Kantonsräten aus «schulhistorischer und religionspolitischer Sicht» verständlich und nachvollziehbar war, habe keinen Mehrwert geschaffen: Weder für die Schülerinnen und Schüler, noch für die Kirchen, noch für die Schulen.

Direkt die Eltern angeschrieben

Die Kirchen würden sogar Druck machen und die «ERG-Kirche» als obligatorisch und dringend empfohlen für Konfirmation und Kommunion erklären. Familien würden «mittels direkt adressierten Sonderschreiben bearbeitet».

Auf der anderen Seite würden sich die Eltern telefonisch untereinander absprechen, wo ihre Kinder hin sollten. «Für den Entscheid spielen vorwiegend nicht religiöse Kriterien eine Rolle: Welche Person unterrichtet das Fach? Was wählen die besten Kolleginnen und Kollegen meines Kindes? Wo wird weniger streng unterrichtet?»

Die Kantonsräte zählen weitere Nachteile auf: Das Fach verursache höhere Kosten: Die Lektionen für ERG-Kirche und ERG-Schule müssten parallel geführt werden. Dies führe zu Kapazitätsengpässen und verschärfe die bereits angespannte Stundenplangestaltung.

Umstrittenes Fach bereits auf dem Tapet

Verlangt wird eine grundsätzliche Änderung. «Auf welchen Schuljahresbeginn könnte das Fach ERG aus Sicht der Regierung ausschliesslich durch die Schule erteilt werden?», wollen die Parlamentarier im Vorstoss wissen.

Die Regierung hat dazu noch nicht Stellung genommen. Möglicherweise werden mit der Interpellation auch offene Türen eingerannt. In einer Mitteilung des Bildungsdepartements zu den ersten Erfahrungen mit dem neuen Lehrplan hiess es anfangs April: Im Austausch mit der Regierung wolle der Erziehungsrat «das umstrittene Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft thematisieren».

René Rödiger
Quelle: SDA/red.
veröffentlicht: 7. Mai 2019 14:53
aktualisiert: 7. Mai 2019 15:39