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St.Gallen

Kritik an längeren Ladenöffnungszeiten: So rechtfertigt sie der Stadtpräsident

Stefanie Rohner, 29. Mai 2020, 16:34 Uhr
So gut besucht soll die Stadt St.Gallen in Zukunft öfter sein. (Archivbild vom 23. Mai)
© St.Galler Tagblatt/Michel Canonica
Dass Geschäfte in der St.Galler Innenstadt ab dem 1. Juni länger geöffnet haben dürfen, löst nicht bei allen Begeisterungsstürme aus. Auf Social Media wird rege diskutiert und der Grundtenor ist: Es sei nicht nötig, man belaste das Personal.

«Und niemand fragt das Verkaufspersonal, dieses hat ja sonst schon lange Arbeitszeiten», schreibt eine Userin auf der FM1Today-Facebook-Seite und jemand anders meint: «Völlig unnötig, jeder hat unter der Woche Zeit zum ‹Lädele›. Attraktiver zu werden für Touristen, ist eine dämliche Ausrede, so viel hat St.Gallen nun auch nicht zu bieten.» Viele fürchten, dass das Personal so zusätzlich belastet werde und weniger Zeit für die Familie habe.

Unia: «Schlichtweg skandalös»

Die Gewerkschaft Unia kritisiert die Erweiterung der Ladenöffnungszeiten ebenfalls heftig. So schreibt sie in einer Mitteilung, es sei «schlichtweg skandalös», dass beim gerade eingesetzten Abflauen der Coronavirus-Pandemie ein solches Reglement verabschiedet werde.

«Die ohnehin schon gebeutelten Arbeitnehmenden müssen sich jetzt extrem kurzfristig mit einschneidenden Änderungen ihrer Arbeitszeiten herumschlagen. Das werden wir auf keinen Fall mittragen», schreibt die Unia.

Es gehe auf Kosten der Arbeitnehmenden und man werde «gegen diese rücksichtslose Erweiterung der Ladenöffnungszeiten» vorgehen. Zudem habe die St.Galler Bevölkerung in der Vergangenheit die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten immer wieder abgelehnt.

Der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin betont auf Anfrage: «Wir haben für und mit den Detailhändlern einen Rahmen geschaffen, der es ihnen ermöglicht, länger offen zu haben. Das ist aber freiwillig. Wer nicht will, kann wie bisher geöffnet haben und muss auch am Sonntag nicht öffnen.»

«Häufig darauf angesprochen, dass sonntags nichts los sei»

So können Detailhändler auch vormittags wie gewohnt öffnen, dafür aber bis 20 Uhr den Laden betreiben. Oder aber sie öffnen früher und schliessen normal. «Das ist jedem selbst überlassen, man könnte einfach von 6 bis 20 Uhr offen haben», sagt Scheitlin.

Die Innenstadt sei das touristische Zentrum der Stadt und man wolle für Touristen attraktiver sein, indem man die Innenstadt durch längere Öffnungszeiten belebe. «Es ist ein Teilprojekt von ‹Zukunft St.Galler Innenstadt› und wurde mit Pro City erarbeitet», sagt Scheitlin.

Wer am Sonntag seinen Laden öffnet und Angestellte arbeiten lässt, muss die arbeitsrechtlichen Grundsätze, die am Sonntag gelten, streng einhalten. «Ist das der Fall, sehe ich kein Problem darin. Der Städtetourismus nimmt zu und das Unesco-Weltkulturerbe ist bei uns ein Hotspot. Wir wurden häufig darauf angesprochen, dass sonntags nichts los sei bei uns», sagt Scheitlin.

Schritt in die Moderne

In vielen Grossstädten kann unlängst die ganze Woche eingekauft werden, in St.Gallen war das bislang nicht möglich, da der nötige Rahmen fehlte. «Wir sehen aber klare Hinweise, dass es ein Bedürfnis ist», so der Stadtpräsident. 

Angesprochen auf die Diskussion auf Social Media, die Leute hätten dann weniger Zeit für die Familie, sagt Scheitlin, das Arbeits- und Privatleben habe sich gewandelt und mit der Möglichkeit der verlängerten Öffnungszeiten mache man einen Schritt in die Moderne.

Der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin findet, mit verlängerten Öffnungszeiten mache man einen Schritt in die Moderne.

© Michel Canonica/St.Galler Tagblatt Archiv

«Andere Städte wie zum Beispiel Rapperswil haben dieses Modell schon lange und es funktioniert. Hier haben die Läden am Bahnhof St.Gallen sonntags auch schon lange offen und das klappt einwandfrei. Und auch wenn Elternteile am Wochenende arbeiten, so haben sie dafür unter der Woche mehr Zeit für die Familie», sagt Scheitlin.

Gemeinsam mit Pro City, der innerstädtischen Vereinigung von Unternehmen des Detailhandels, habe man diese Rahmenbedingungen erarbeitet. «Der Wunsch nach einem breiteren Rahmen für Öffnungszeiten kommt aus dieser Vereinigung. Man will für den Tourismus attraktiver werden. So schaffen wir die Möglichkeit, dass die Innenstadt auch abends gut besucht ist.»  

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 29. Mai 2020 05:32
aktualisiert: 29. Mai 2020 16:34