Leichen vorübergehend im Materialraum

Lara Abderhalden, 24. Oktober 2017, 07:11 Uhr
Vor der Bestattung werden Verstorbene in einer Aufbahrungshalle verabschiedet. (Symbolbild)
© iStock
Im Zuge der Umbauarbeiten am Spital Wattwil wurde der Kühlraum für die Verstorbenen abgerissen. Provisorisch werden die Leichen nun am Ende einer Bettenstation im Materialraum aufbewahrt. Die Angestellten hatten am Anfang Mühe mit dieser Lösung.

Bagger, Baumaschine und Beton: Das Spital Wattwil ist im Moment eine grosse Baustelle. Im Zuge der Gesamterneuerung wurde ein ganzer Trakt abgerissen und an dessen Stelle wird eine neue Bettenstation gebaut. Voraussichtlich im März soll die neue Bettenstation bezogen werden können. Mit dem Bau läuft alles optimal: Die Station kann ein halbes Jahr früher als geplant eröffnen.

Bild des fast fertigen Neubaus am Spital Wattwil. (Bild: zVg)
© Bild des fast fertigen Neubaus am Spital Wattwil (Bild: zVg)

Leider trügt aber der Schein. Im Innern der grauen Betonwände läuft nämlich nicht ganz alles optimal. Wie eine Angestellte gegenüber FM1Today sagt, sei die Leichenhalle mitten auf eine Bettenstation in einen Materialraum verlegt worden.

Ausnahmesituation im Spital Wattwil

Barbara Anderegg, Leiterin Kommunikation der Spitalregion Fürstenland Toggenburg, bestätigt, dass die Situation im Moment «speziell» sei: «Grundsätzlich ist bei einem Umbau bei laufendem Betrieb alles speziell. Wir bauen um und gewährleisten gleichzeitig zu 100 Prozent alle unsere Leistungen. Dabei mussten wir einen ganzen Trakt abreissen und in bestehenden Räumlichkeiten Platz schaffen. Auch für den Aufbahrungsraum mussten wir vorübergehend einen Ersatz finden. Dieser ist aber nur ein Teil von ganz vielen Bereichen.»

Bevor das Gebäude abgerissen wurde, war der Aufbahrungsraum ein sogenannter Kühlkatafalk, also ein gekühlter Raum, in dem die Leichen auch über einen Tag hinaus aufbewahrt werden konnten. Zusätzlich gab es einen separaten Raum für Angehörige in dem sie Abschied nehmen konnten. Mit dem Abriss des Traktes wurden die beiden Räume nun mit abgerissen. «Wir haben deshalb einen Raum am Ende einer Bettenstation umfunktioniert.» Beim Raum handle es sich um einen separaten Raum im Materialraum.

«Verstorbene Menschen werden nicht einfach abgeschoben»

«In diesem Zimmer hat es eine Bahre, Sitzgelegenheiten für Angehörige und ein Fenster mit Läden, welche gezogen werden können. Der Raum ist durch zwei Türen vom Gang der Bettenstationen abgetrennt.» Befinden sich Angehörige im Raum, geht dort niemand ein und aus. Die Türen können verschlossen werden und es gibt ein Schild, welches vor die Türe gehängt werden kann.

«Man ist nicht ausgestellt und niemand kann reinschauen. Es ist nicht so, dass bei uns Menschen einfach in eine Abstellkammer geschoben werden. Die Menschen liegen nicht zwischen den Materialen, sondern es ist ein separater Raum, der dezent dekoriert ist», sagt Barbara Anderegg, welche sich den Raum selbst angesehen hat.

Zusammenarbeit mit dem Bestatter

Dennoch ist sich auch Barbara Anderegg bewusst, die Situation ist nicht optimal: «Das Provisorium erfüllt nicht unsere Ansprüche an eine definitive Lösung. Wir mussten relativ schnell eine Lösung finden, da wir mit dem Bau voraus waren.» Früher als geplant musste der Aufbahrungsraum «gezügelt» werden. «Wir hatten keine wahnsinnig grosse Auswahl, einen Ersatz zu finden. Deshalb haben wir Kontakt mit der Gemeinde Wattwil und mit dem Bestatter aufgenommen.»

So habe man sich entschlossen, die Verstorbenen zuerst so lange im Patientenzimmer zu lassen, bis sich die Angehörigen verabschiedet haben. Dann würde man Kontakt aufnehmen mit dem Bestatter. «Je nach Wohnort des Verstorbenen wird er dann innerhalb eines halben Tages in die Aufbahrungshallen der Gemeinden transportiert oder wenn das nicht zeitnah möglich ist, in die Aufbahrungshalle Wattwils.» Das Provisorium in der Bettenstation dient also nur als eine Art «Zwischenstation».

Das ist Barbara Anderegg ein Anliegen: «Die Verstorbenen sind nur für ganz kurze Zeit in diesem Raum. Höchstens einen halben Tag, dann werden sie vom Bestatter abgeholt.» Es könne auch sein, dass jemand der in der Nacht stirbt, erst am Morgen abgeholt wird.

Angestellte haben sich schwer getan

Reklamationen von Angehörigen hat es bisher noch keine gegeben. Die Angestellten waren jedoch nicht von Anfang an Feuer und Flamme. «Einige Angestellten haben sich schwer getan, weil der Raum auf einer Abteilung ist. Vor allem, dass alles früher als geplant umfunktioniert werden musste, hat viele am Anfang gestört.» Für einige war die Übergangslösung eine schwierige Situation.

Das Provisorium bleibt noch sicher bis zum nächsten März. Umfunktioniert wurde der Raum bereits Ende letzten Jahres. Beinahe zehn Monate befinden sich Leichen nun schon im ungekühlten Ersatzraum. Fünf weitere Monate folgen.

Dass der Raum ungekühlt ist, spielt laut Barbara Anderegg keine Rolle: «Die Verstorbenen werden so schnell wie möglich vom Bestatter abgeholt.» Ausserdem werde der Raum nicht jeden Tag gebraucht: «Es ist nicht möglich eine genaue Zahl zu nennen. Man kann ungefähr davon ausgehen, dass der Raum im Schnitt zwei bis vier Mal pro Monat genutzt werden muss.»

Für die Angestellten bleibt es eine gewöhnungsbedürftige Situation. Dennoch sollte es in absehbarer Zeit wieder so werden wie früher: «Im Neubau wird es wieder einen Kühlkatafalk und einen separaten Raum für Angehörige geben.» Der Materialraum, dieser wird bald selbst zur Baustelle.

Projekt
Im Jahr 2014 stimmten sechs Gemeinden im Kanton St.Gallen für das Generationenprojekt. Sechs Spitäler im Kanton St.Gallen werden im Zuge dieses Projekts für insgesamt 930 Millionen Franken erneuert. Darunter die Spitäler Wattwil, Grabs, Altstätten, Linth sowie Sanierungen für das Kantonspital und das Kinderspital in St.Gallen. Während des Neu- respektive Umbaus wird in allen Spitälern der Betrieb aufrecht erhalten. In Wattwil wurde im Jahr 2016 mit dem Bau begonnen, dies in vier Etappen. In einer ersten Etappe wurde der Trakt B abgerissen und es entsteht ein neuer Erweiterungsbau. In einem zweiten Teil wird der heutige Trakt A umgebaut in welchem unter anderem die Operationssäle untergebracht sind. In Etappe drei wird der heutige Bettentrakt C komplett umgebaut. Und zum Schluss wird der restliche Teil des Traktes A umgebaut und eine gynäkologische Praxis eingerichtet.

Visualisierung der neuen Bettenstation. (Bild: zVg)
© Visualisierung der neuen Bettenstation. (Bild: zVg)

Lara Abderhalden
veröffentlicht: 24. Oktober 2017 05:32
aktualisiert: 24. Oktober 2017 07:11