Theater St.Gallen

Maskenleiterin Annette Kaim - Herrin über 1000 Perücken

10. Dezember 2020, 15:28 Uhr
Annette Kaim, Leiterin der Maskenabteilung am Theater St. Gallen, musste die Arbeit ihres Teams coronabedingt neu organisieren.
© Theater St. Gallen
Das Theater St.Gallen hat trotz Corona-Pandemie weitergespielt. Seit Ende Oktober auch im neuen Theater-Provisorium. Annette Kaim, Leiterin der Maskenabteilung, musste die Arbeit ihres Teams coronabedingt neu organisieren. Ende Woche geht es bereits wieder in die Zwangspause.

Am 24. Oktober fand die erste Vorstellung im neuen Theater-Provisorium statt. Die Oper «Guilio Cesare in Egitto» von Georg Friedrich Händel feierte Premiere - auch wenn nur 50 Zuschauer in dem für 500 Personen geplanten Saal zugelassen sind. Das Provisorium steht knapp 100 Meter vom 1968 eröffneten Theater St.Gallen entfernt. Der Betonbau wird umfassend saniert und auch erweitert. Für zwei Jahre finden deshalb viele Vorstellungen im provisorischen Holzbau statt.

Die Schminkräume befinden sich direkt unter der Bühne. «Wir hören alles was über unseren Köpfen passiert», sagt Annette Kaim, seit zehn Jahren Leiterin der Maskenabteilung am Theater St.Gallen. Auch wenn die Verhältnisse noch beengter seien als im Betonbau, habe sich ihr Team relativ gut eingelebt.

Wegen der Corona-Pandemie mussten die Abläufe auch in der Maske angepasst werden. «Die Parkspiele im Sommer dienten uns als Testphase», so Kaim. Inzwischen seien die Schutzmassnahmen allen Mitarbeitenden des Theaters «in Fleisch und Blut» übergegangen.

Für einige Darsteller heisst das konkret, dass sie bis zu zweieinhalb Stunden vor der Vorstellung in der Maske sein müssen; Tobias Graupner etwa, den die Maske in «Black Rider» als Stelzfuss mit langhaariger Perücke, Glasauge und Narbengesicht teuflisch alt und wild aussehen lässt.

Wachsender Einfluss von Kunst und Film

Der Einfluss von Kunst und Film auf die Theaterproduktionen ist unverkennbar und damit hat auch der Fokus auf die Ausstattung massiv zugenommen. In den 1970er-Jahren schminkte noch ein Ehepaar das gesamte Ensemble, er die Männer, sie die Frauen.

Heute besteht das Maskenteam am Theater St.Gallen aus neun Maskenbildnerinnen. «Unsere Arbeitsweise hat sich jener der Filmbranche angepasst», sagt die Leiterin. Airbrush und falsche Körperteile gehörten heute zum Standartrepertoire.

Nicht nur von allen Schauspielern wurden Silikonabdrücke der Köpfe gemacht, für die Händel-Oper wurde auch von einem älteren Chormitglied der «Kopf» als Vorlage verwendet. Cesare bekommt nach dem Sieg über seinen Widersacher Pompeius in Alexandria nämlich dessen Kopf überreicht.

Die Vorgabe war, den abgeschlagenen Kopf wie eine Reliquie aussehen zu lassen. «Der Silikonabdruck des Sängers hat den Vorteil, dass man beim Ausgiessen des Negatives jedes Detail erkennen kann», so Kaim. Die eigentliche Kunst sei allerdings das Einfärben und Bemalen des fertigen Kopfes.

Im September zügelte die ganze Abteilung zusammen mit der Schneiderei ihr Inventar in die Theater-Werkstatt. «Wir hatten im Theater unser Material auf vier Stockwerken verteilt untergebracht», schildert Kaim. Die Maskenabteilung hat ausgemistet. 1000 Perücken gehören aber immer noch zum Fundus.

«Bei uns landet nichts im Müll», erklärt die aus Deutschland stammende Maskenbildnerin, die seit 1996 am Theater St.Gallen arbeitet. Für Anja Tobler, die in «Black Rider» das Käthchen spielt, hat die Maske aus gebrauchten Perücken zwei blonde Pagenköpfe geschnitten. «Wir versuchen die Wünsche der Kostümverantwortlichen so gut wie möglich umzusetzen», sagt Annette Kaim.

60 Stunden für eine Perücke

Im Kultstück von Tom Waits, Robert Wilson und William S. Burroughs spielen blonde Perücken eine grosse Rolle. «Langes hellblondes Echthaar ist am schwierigsten zu bekommen», erklärt die ehemalige Friseuse. Viele Perücken sind handgemacht, jedes Haar wird einzeln eingearbeitet, das kann bis zu 60 Stunden dauern.

Glatzen sind laut Kaim aber die grösste Herausforderung. Es bilde sich oft ein Vakuum unter der Glatze und dann halte der Kleber nicht mehr richtig. Die Maskenbildnerin findet meist eine Lösung: Diana Dengler, die im Kinderstück «Dschungelbuch» als Geier Chil zu sehen ist, bekommt für die Doppelvorstellungen eine zweite Glatze.

Nun sieht es aber danach aus, dass der Theaterbetrieb aufgrund der neuen Corona-Massnahmen ab Samstag eingestellt wird. Beim Kinderstück war noch nicht mal Halbzeit, die weiteren Vorstellungen waren rund um die Weihnachtstage und Anfang Januar geplant. Nun dürfte die Zwangspause bis mindestens zum 20. Januar dauern.

Quelle: sda
veröffentlicht: 10. Dezember 2020 15:28
aktualisiert: 10. Dezember 2020 15:28