Zurück nach Ägypten

Milo Rau fordert von St.Gallen Rückgabe der Mumie Schepenese

17. November 2022, 21:43 Uhr
Der Regisseur und Autor Milo Rau fordert die «Befreiung» der Mumie Schepenese: Er will die Preissumme des St.Galler Kulturpreises, der ihm am Donnerstag verliehen wird, für die Rückführung nach Ägypten einsetzen.

Quelle: TVO

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Im Barocksaal der St.Galler Stiftsbibliothek, zwischen mittelalterlichen Handschriften, liegt sie seit über 200 Jahren als exotische Kuriosität - und heimliche Hauptattraktion: die altägyptische Mumie Schepenese.

Die Tochter eines ägyptischen Priesters lebte vor 2600 Jahren. Sie starb mit gut 30 Jahren. Heute befindet sich ihr einbalsamierter Körper ausgewickelt in einem gläsernen Sarg. «Diese fragwürdige Zurschaustellung ist einer Kulturmetropole wie St.Gallen unwürdig», wird Milo Rau, der in St.Gallen aufwuchs, in einer Mitteilung zitiert. Deshalb investiere er das Preisgeld für den Grossen Kulturpreis von 30'000 Franken in die Rückführung der Mumie.

Fragwürdige Attraktion

Rau fordert zusammen mit einer Expertenkommission um die ägyptische Filmemacherin Rabelle Erian, den St.Galler Theologen Rolf Bossart und die ägyptische Professorin Monica Hanna die «Wiedergutmachung eines alten Unrechts». Auch wenn die Provenienz der Mumie so gut wie möglich geklärt sei, blieben doch am Anfang der Kette der Grabraub und am Ende eine ethisch und juristisch fragwürdige Attraktion.

Schepenese soll bis Ende 2023 nach Ägypten zurückkehren und bis dahin an einem angemessenen Ort aufbewahrt werden. Diese Forderung wird am Donnerstag im Vorfeld der Verleihung des Kulturpreises mit einem Ritual, einer Medienkonferenz und einer Debatte mit Expertinnen und Experten lanciert.

Die Mumie wird auch der prominente Gast in Milo Raus am Donnerstag beginnender Ausstellung «Warum Kunst?» in der Kunsthalle St.Gallen sein. Die Ausstellung schaut auf 15 Jahre Kunst und Aktivismus des Theaterregisseurs, Intendanten und Autors zurück. Anhand Raus Werk werden in der Ausstellung fundamentale Fragen gestellt: Ist eine globale, transnationale Kunst möglich? Kann Kunst die Welt verändern - warum überhaupt Kunst?

Stiftsbibliothek hat kein Verständnis

Nichts von der Aktion hält die Stiftsbibliothek. Man habe sich im Umgang mit der Mumie nichts vorzuwerfen. Eine Rückführung der Mumie, die seit fast 200 Jahren in der historischen Bibliothek liegt, ist für sie ausgeschlossen. Auch Ägypten habe nie einen entsprechenden Antrag gestellt. «Ägypten hat keinen Bedarf, dort hat es genug eingelagerte Mumien», erklärt Sitftsbibliothekar Cornel Dora gegenüber TVO. In St.Gallen hingegen bestehe Bedarf. Die Mumie sei Teil des «Sinnzusammenhang» der Bibliothek. «Sie hat hier einen eigenen Sinnzusammenhang erfahren», so Dora weiter. Zudem habe sie das schönste Mausoleum, dass man sich vorstellen könne. Er habe kein Verständnis für die Forderung von Rau.

Weiter stört sich die Stiftsbibliothek auch am Zeitpunkt der Aktion. Auf den Tag genau vor 25 Jahren kamen 36 Schweizerinnen und Schweizer, vier davon aus dem Kanton St.Gallen, bei einem Attentat in Luxor ums Leben. Genau dort, wo Schepenese begraben war, bis sie im 19. Jahrhundert nach St.Gallen kam.

Welt und Kunst wird verschränkt

Die St.Galler Kulturstiftung ehrt Milo Rau mit dem Grossen Kulturpreis, «weil er sich seit Jahren immer wieder einmischt und seine Finger mitten in die Wunden legt, die erst dann heilen können, wenn der Grund der Verletzung klar ist und sich direkt oder indirekt Betroffene dazu äussern können».

In seinen Projekten verschränkt der 45-Jährige Welt und Kunst. Im Dokumentarfilmprojekt «Kongo Tribunal» etwa versammelte Rau in Bukavu 60 Opfer, Täter, Zeugen und Analytiker des Kongokriegs zu einem einzigartigen zivilen Volkstribunal im Ostkongo. Erstmals in der Geschichte dieses zwanzigjährigen Krieges liess er dort drei Fälle exemplarisch verhandeln.

Die Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff stand im Zentrum seiner Regiearbeit «Wilhelm Tell» nach Friedrich Schiller am Schauspielhaus Zürich, welche am 23. April Premiere auf der Pfauenbühne feierte.

(sda/mma)

Quelle: sda
veröffentlicht: 17. November 2022 20:30
aktualisiert: 17. November 2022 21:43