Rorschach

Nach Grossbrand: «Ihr ganzes Leben war in dieser Wohnung»

Vanessa Kobelt, 23. Februar 2021, 16:39 Uhr
Teresa Tumelero verlor beim Grossbrand in Rorschach ihren ganzen Besitz. Noch immer schmerze der Verlust der persönlichen Sachen, trotzdem schaut die 80-Jährige hoffnungsvoll in die Zukunft.

20 Jahre lang lebte Teresa Tumelero an der Löwenstrasse 8 in Rorschach. Beim Grossbrand vor gut zwei Wochen verlor sie nicht nur ihre Bleibe – sondern auch ihr ganzes Hab und Gut. Retten konnte die Italienerin nur eine Jacke und ein paar Schuhe. Ein Schicksalsschlag, der Spuren hinterlässt. «Ihr ganzes Leben war in dieser Wohnung», sagt ihre 42-jährige Tochter Verdiana Tumelero. «Zu Beginn konnte meine Mutter gar nicht glauben, was eigentlich passiert war.»

Sie musste alles zurücklassen

An jenem Donnerstag verliess Teresa Tumelero ihre dreieinhalb-Zimmer-Wohnung schon am Morgen, um Karton nach draussen zu bringen, als ihr Rauch in die Nase stieg. «Meine Mutter rannte nochmals nach oben – doch das ganze Treppenhaus war schon voller Rauch. Sie konnte kaum noch etwas sehen.» Die 80-Jährige hatte keine Wahl – sie musste alles zurücklassen und wieder nach draussen rennen. Dort klingelte sie noch bei den anderen Mietern, als schon die Feuerwehr eintraf.

«Ihre Hochzeitsfotos verbrannten»

Die Feuerwehr kämpfte bis spät in die Nacht gegen den Brand, bei eisigen Temperaturen. Neben Teresa Tumelero verloren noch zehn weitere Mieterinnen und Mietern beim Brand ihr zu Hause. Einige wurde vorübergehend in einem Hotel untergebracht. Teresa fand Unterschlupf bei einer guten Freundin – mitbringen konnte sie nichts. «Nach 20 Jahren hat man viele Möbel und andere Gegenstände in seiner Wohnung. Wenn alles weg ist, kann man das am Anfang gar nicht realisieren.» Zwar zahle die Versicherung, doch zurück bleibe der Schmerz. Am meisten weh tue der ihr der Verlust der ganz persönlichen Gegenstände. «Zum Beispiel verbrannten die Hochzeitsfotos von ihr und meinem Vater. Die kann niemand ersetzen.»

«Wir wurden richtig überrannt»

Teresa Tumelero habe anfangs viel geweint, aber nie das Positive aus den Augen verloren. «Meine Mutter war, genau wie ich, überwältigt von der grossen Anteilnahme. Auch die Hilfsbereitschaft der Menschen war riesig.» So hätten Freunde und Bekannte aus der Schweiz und aus Italien keine Mühe gescheut, um Kontakt aufzunehmen, und sich nach dem Wohlbefinden zu erkundigen. Nach einem Facebook-Aufruf seien ausserdem im Nu ein Pischi, ein paar Oberteile, Turnschuhe und eine Hose zusammengekommen. «Wir wurden richtig überrannt. Ich war fast etwas überfordert und wir konnten nicht alles annehmen», sagt Tumelero. «Wir behielten, was meine Mutter wirklich brauchte und sind unglaublich dankbar für all die Hilfe.»

Ein neuer Lebensabschnitt

Mittlerweile gehe es der Mutter schon wieder viel besser, sie hoffe darauf, eine Wohnung gegenüber ihrer Freundin beziehen zu können. «Meine Mutter möchte mit ihren 80 Jahren nochmals neu starten, quasi einen neuen Lebensabschnitt beginnen», sagt Verdiana Tumelero und lächelt. Was für ihre Mutter nicht in Frage komme, sei ein Besuch bei der Brandruine. «Der Anblick würde sie wohl zerreissen», glaubt sie. Sie selber sei dort gewesen, auch wenn es weh tat. «Ich habe selber zwei Jahre in dieser Wohnung gelebt und brauchte den Anblick der Ruine, um abzuschliessen. Nun kann ich diesen Tag hinter mir lassen und gemeinsam mit meiner Mutter in die Zukunft blicken.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. Februar 2021 18:57
aktualisiert: 23. Februar 2021 16:39