Kapo St.Gallen

«Nicht praxistauglich» – das sind die Reaktionen auf die verschärfte Abstandskontrolle

Philomena Koch, 28. Oktober 2022, 19:20 Uhr
Die Meinungen zum neuen Abstands-Messsystem auf den St.Galler Autobahnen sind geteilt. Zwar ist die Notwendigkeit bei der Anzahl der Auffahrunfälle offensichtlich. Über die Umsetzung ist man sich uneinig.

Quelle: TVO

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Wenig Abstand zwischen den Autos und viele Auffahrunfälle: Dagegen möchte die Kantonspolizei St.Gallen per Ende Jahr etwas unternehmen und führt auf St.Galler Autobahnen und -strassen ein neues Messsystem ein. St.Gallen ist nach Bern erst der zweite Kanton der Schweiz, wo dieses System zum Einsatz kommt.

«Wir öffnen ein Fass, das nicht genau definiert ist»

Die Massnahmen zur Kontrolle der Abstandsregeln stossen auch auf Kritik. So steht beispielsweise die TCS-Sektion St.Gallen und Appenzell Innerrhoden der Umsetzung skeptisch gegenüber. Der Verkehrsverein sieht, dass etwas gegen die vielen Auffahrunfälle unternommen werden muss. Für Oskar Seger, Mitglied des Präsidiums, kommt das Messsystem aber zu früh: «Es ist ein Augenmass und aktuell nicht praxistauglich.» Die Gesetzgebung als Grundlage für ein solches Vorhaben würde einfach fehlen.

Aktuell besagt das Gesetz, dass es einen ausreichenden Abstand zu wahren gilt. Eine konkrete Zahl von Abstandsmetern oder Sekunden ist nicht festgelegt. Für Seger ist klar: «Wir öffnen ein Fass, das nicht genau definiert ist. Für den TCS ist offen, wie die Staatsanwaltschaft unter diesen Voraussetzungen gewährleisten will, dass es mit den aktuell geltenden Faustregeln nicht zu extrem vielen Verfahren kommt.» Die TCS-Sektion St.Gallen und Appenzell Innerrhoden ist für eine Verschärfung des Verkehrgesetztes, möchte mit den Behörden im Gespräch bleiben und sie auf die Bedenken aufmerksam machen.

«Etwas Zwang ist gar nicht schlecht»

Für die Fahrlehrerin Jolanda Brülisauer allerdings ist der richtige Zeitpunkt für das System gekommen. «Ich bin nicht für mehr Kontrolle oder mehr Entzüge von Ausweisen, aber Abstände müssen eingehalten werden. Das ist ein gutes System für die Reduktion von Unfällen», sagt die Mitinhaberin der Fahrschule «Best Drive» St.Gallen. Sie hat eine These, woher das Auffahr-Phänomen kommen könnte. «Stress ist ein grosses Thema. Viele Autofahrerinnen und Autofahrer haben Zeitdruck. Wir schauen das immer in den Fahrstunden an. Autofahren hat nichts mit einem Rennen zu tun, man darf sich nicht stressen lassen», sagt Brülisauer. Etwas Zwang für ein korrektes Verhalten auf den Schnellstrassen ist aus ihrer Sicht daher gar nicht schlecht.

Die Veränderungen sind für die Fahrlehrerin nur positiv. So wird ihr und ihren Schülerinnen und Schülern während der Fahrstunden hoffentlich weniger aufgefahren. Ihre Unterrichtsstunden beeinflusse das weiter nicht. «Fahrschulen sind dazu da, dass ein Gefahrenbewusstsein fürs Auffahren entwickelt werden kann. Ganz egal, ob das Messsystem kommt oder nicht», sagt Jolanda Brülisauer.

Keine Umsetzung in den anderen Kantonen vorgesehen

In den beiden Kantonen Thurgau und Appenzell Ausserrhoden sind bisher keine Abstandskontrollen in diesem Stil geplant. Matthias Graf, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau, sagt, dass sie die Entwicklung mit der neuen Methode im Kanton St.Gallen beobachten würden. Je nachdem sei eine ähnliche Umsetzung nicht ausgeschlossen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 28. Oktober 2022 19:20
aktualisiert: 28. Oktober 2022 19:20