Wintergedicht

O Toggenburg, du gespaltene Seele

Lara Abderhalden, 15. November 2020, 19:20 Uhr
Ein Wintergedicht zur aktuellen Situation im Toggenburg.
© Imago
Das Toggenburg ist der schönste Platz der Welt. Aber es gibt einige Dinge, bei denen wir Hinterwäldler sind – ein gutes Beispiel sind unsere Bergbahnen. Ein persönliches Wintergedicht.

Wenn im Winter die Flocken fallen, uns eisige Winde um die Ohren knallen, wenn Pistenbullys die Schneemassen glätten und wir gerne ein Skigebiet vor der Haustüre hätten – dann ist die Zeit reif, der Schnee steif, die Pisten bereit für die Menschheit.

Im Toggenburg, meine lieben Menschen, braucht es dieses Jahr warme «Händschen», die Luft ist kühl und im Idyll, aufgrund von Machtkämpfen, die Stimmung am dämpfen.

Es gibt ein Skigebiet, das mitten im Toggenburg liegt, von zwei verschiedenen Bergbahnen betrieben, die sich in den Haaren liegen.
Ein jahrelanger Kampf um Macht und Geld, ohne Gewinner, ohne Held. Es liess sich erahnen, dass die Bahnen, getrennten Weges, reges Interesse der Toggenburger verlieren, die sich immer mehr genieren.

Die Toggenburger, die Urchigen, die Hinterwäldler, Landeier – immer wieder dieselbe Leier, doch was den Streit am Berg betrifft, sind wir schon ein bisschen versifft.
Wo sonst findet man in der Coronazeit – statt Solidarität nur Streit?
Wo sonst halten regionale Betriebe nicht zusammen, sondern rammen die strammen Bahnenpfeiler, die harten Teiler und drohen den Tourismus zu Fall zu bringen – ein Kräftemessen wie sonst nur im Schwingen.

Ich wünsche mir zur Weihnachtszeit, mehr Akzeptanz und Freiheit.
Ich möchte mit meinen Ski, voll dri, munter den Chäserrugg hoch, den Gamserrugg runter. Die Ski anschnallen und ohne fallen ein Gebiet nutzen, ohne über unterschiedlich hohe Preise zu stutzen.

Es ist ein Wunsch, doch wie wir wissen, müssen wir dieses Jahr das gemeinsame Ticket missen. Das ist traurig, schaurig und bringt Frust statt Lust. Lasst uns aber nicht gegen eine Mauer rennen – denn das Toggenburg darf den Winter nicht verpennen. Lasst uns deshalb aktiv bleiben – und durch emsiges Treiben den Tourismus anlocken, statt herum zu bocken.

Wenn im Winter die Flocken fallen und uns eisige Winde um die Ohren knallen, haben wir ein Skigebiet, das direkt vor unseren Haustüren liegt. Wir haben sogar zwei, drei, vier und nicht überall herrscht Machtgier.

Das Leben ist wie eine Skiabfahrt, manchmal hart, manchmal weich, manchmal «en Saich». Auf Umwegen, bewegen wir uns vor und zurück, nur ein Stück, und wenn wir stets weiterfahren, uns Gefahren aussetzen, keine Pisten besetzen, dann werden wir Fortschritte machen und plötzlich über den Bergbahnenstreit lachen.

So viel aus meiner Kehle, zur hoffentlich bald nicht mehr gespaltenen Toggenburger Seele.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 15. November 2020 19:20
aktualisiert: 15. November 2020 19:20