«Respekt gegenüber Polizei hat abgenommen»

Lara Abderhalden, 8. April 2017, 11:48 Uhr
Die Gewalt gegen Polizisten hat laut Bruno Zanga zugenommen. (Archiv)
Die Gewalt gegen Polizisten hat laut Bruno Zanga zugenommen. (Archiv)
© TAGBLATT/Samuel Schalch
Die Agressivität gegenüber Polizisten hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Immer häufiger werden Polizisten in St.Gallen beschimpft, angegriffen oder lebensgefährlich bedroht. Doch statt sich zu beschweren, lässt die Mehrheit der Polizisten die psychischen Strapazen über sich ergehen. Viele scheuen sich vor dem mit einer Anzeige verbundenem Aufwand.

«Beschimpfungen und Gewalt gegenüber Polizisten sind nicht zu akzeptieren», sagt Bruno Zanga, Kommandant der St.Galler Kantonspolizei. Verhindern könne man die Aggressivität nicht. «Leider gehört sie zum Beruf dazu. Man darf sie aber nicht einfach so hinnehmen.»

Jeder Fünfte erstattet Anzeige

Der Polizeikommandant war überrascht, als er die Untersuchung der Universität St.Gallen (HSG) zu Gesicht bekommen hat, welche die Beschimpfungen und Angriffe gegenüber Polizisten ausgewertet hat. Die HSG hat mehr als die Hälfte der St.Galler Kantonspolizisten befragt und kam zum Schluss: Rund 83 Prozent der befragten Polizisten wurden in den letzten drei Jahren Opfer einer Beschimpfung, 55 Prozent einer Tätlichkeit, rund 46 Prozent einer Drohung und rund 19 Prozent einer Körperverletzung. Jeder fünfte Befragte erlebte in diesem Zusammenhang eine lebensbedrohliche Situation.

Nur gerade 21 Prozent der Polizisten reichten im Fall einer Beschimpfung Anzeige ein. Bei lebensbedrohlichen Situationen waren es etwas mehr als die Hälfte. «Ich war erstaunt, dass so viele Polizisten keine Anzeige erstattet haben», gibt Zanga zu.

Der Aufwand für Anzeigen ist zu gross

Erklären kann sich der Polizeikommandant das nur zum Teil: «Da müssten Sie natürlich die Polizistinnen und Polizisten fragen. Ich vermute, es ist häufig das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag, das die Polizisten abschreckt.» Bei einer Beschimpfung muss der Schimpfende höchstens eine Geldstrafe bezahlen. Der Polizist hingegen muss einen Bericht verfassen und Klage bei der Staatsanwaltschaft einreichen. Eine Anzeige ist also mit einem bürokratischen Aufwand verbunden, den viele für eine einfache Geldstrafe nicht auf sich nehmen möchten.

Staat wird weniger respektiert

«Nichts desto trotz sollten die Polizistinnen und Polizisten den Aufwand auf sich nehmen. Solche Fälle müssen konsequent verfolgt werden», die Aggressivität nehme sonst nicht ab. Es gebe ein entsprechendes Gesetz, von dem Polizisten auch Gebrauch machen sollen.

Leider muss Bruno Zanga auch feststellen, dass der Respekt gegenüber der Polizei abgenommen hat: «Wir sind nicht nur mit Gewalt konfrontiert, die Öffentlichkeit befindet sich im Wandel. Der Respekt gegenüber dem Staat und dessen Repräsentanten hat in den letzten Jahren abgenommen.» Dies hänge vermutlich auch mit der Erziehung zusammen. Früher sei man strikter erzogen worden, lernte die Polizei zu schätzen. Heute würde es laut Zanga häufig in die andere Richtung kippen.

Gute Chancen bei Anzeige

«Es lässt sich natürlich nicht gänzlich vermeiden. Dennoch versuchen wir, die Mitarbeiter zu sensibilisieren», der Polizeikommandant hat bereits mit den Polizisten über dieses Thema gesprochen. Die Mitarbeiter wurden aufgefordert, sich zu melden, sollten sie gröber beschimpft oder angegriffen werden. Chancen haben die Polizisten laut Bruno Zanga gute: «Häufig sind die Mitarbeiter nicht alleine im Einsatz. Es gibt also immer zwei Personen, welche die Fälle bestätigen können.» Sollte eine Einzelperson im Einsatz stehen, kann der Täter natürlich auf unschuldig plädieren, in diesem Fall liegt der Entscheid in der Macht des Staatsanwalts.

Lara Abderhalden
Quelle: abl
veröffentlicht: 8. April 2017 11:34
aktualisiert: 8. April 2017 11:48