Porträt

Rheintaler Regenbogenfamilie: «Es ist egal, wer einem Kind Liebe gibt»

Krisztina Scherrer, 31. Dezember 2020, 13:02 Uhr
Zwei Mamis und ein Kind, geben eine Regenbogenfamilie. (Symbolbild)
© iStock
Der zweijährige Ramon hat ein Mami und eine Mama. Seine Mütter sind seit über zehn Jahren zusammen und seit 2018 bilden sie zu dritt eine Regenbogenfamilie. Gegenüber FM1Today sagen sie, was das heisst und wie ihr Familienmodell aussieht.

Ramon* hat ein Kinderbuch in der Hand. Der Zweijährige zeigt mit dem Zeigefinger auf das Titelbild und sagt: «Pickel.» Zu sehen ist ein Bauarbeiter, mit gelbem Helm und oranger Weste, der einen Pickel in der Hand hält. Auch Ramon hat einen kleinen Spielzeugpickel in der Hand und hält ihn stolz in die Luft. «Ja, damit arbeitet der Bauarbeiter», sagt seine Mama.

Es ist anfangs Dezember, draussen liegt Schnee. Zwei Tage lang hat es geschneit und endlich blieb das kühle Weiss auch mal liegen. Tanja und Manuela* bieten mir ein Getränk an und auch gleich das «Du». Der Wohnzimmerboden ist belegt mit bunten Spielsachen. Mittendrin sitzt Ramon. Sein Kätzchen, das es sich auch in der Stube gemütlich gemacht hat, sieht man vor lauter Spielsachen fast nicht. Ramon hat blonde Locken, ist gross für seine zwei Jahre und überhaupt nicht schüchtern. Sofort will er sein Buch zeigen. «Pickel», sagt er.

Aus einer innigen Freundschaft wird Liebe

Tanja und Manuela setzen sich an den Tisch. Die 48-jährige Tanja hat kurze braune Haare, sie trägt eine weisse Bluse mit schwarzem Muster darauf und eine dunkle Jeans. Manuela ist 40 Jahre alt, hat ihre rotbraunen Haare zu einem Dutt zusammengebunden, so sieht man die Kreolen, die an ihren Ohren hängen. Sie wollen ihre richtigen Namen nicht preisgeben, vor allem, um Ramon zu schützen.

Die Ostschweizerinnen sind seit etwa 13 Jahren ein Paar. «Es ist schwierig, ein Datum zu nennen», sagt Manuela. Es sei ein langer Prozess gewesen. Schleichend habe sich ihre innige Freundschaft zu einer Liebe entwickelt.

Kennengelernt haben sich Tanja und Manuela «ganz klassisch» bei der Arbeit. Beide sind im sozialen Bereich tätig. Jetzt, 13 Jahre später, ist Tanja Kita-Leiterin und Berufsschullehrerin, Manuela arbeitet als Schulsozialarbeiterin. Sie leben mit ihrem Sohn Ramon im Rheintal. Ramon schaut hoch, er will sein Büchlein durchsehen. «Die Frau hat jetzt keine Zeit», sagt sein Mami. Manuela ist sein «Mami» und Tanja seine «Mama».

Der Entscheid, ein Kind zu bekommen, fiel nicht sofort. «Das war ein langer Prozess», erinnert sich Tanja zurück. Am Anfang war Familie kein Thema für die beiden. «Es war alles so neu und wir mussten zuerst schauen, wie sich unsere Beziehung entwickelt.» Beide hatten vorher auch Männer als Partner. Als sie sich verliebten, kamen zuerst Fragen auf wie: «Was ist jetzt passiert?» und «Können wir eine Beziehung wagen?».

Irgendwann kam das Thema Kinder dann doch auf. Tanja und Manuela erkundigten sich über die Möglichkeiten. «Wir haben beide gerne Kinder und Jugendliche um uns. Da dachten wir, es wäre schön, wenn wir ein Kind durch das Leben begleiten dürften», sagt Tanja. Dann begann der Hürdenlauf.

«Kontakt zu seinem Vater ist uns wichtig»

Mit Hürden meint Tanja zum Beispiel die biologische Hürde. Das Paar entschied sich für eine private Samenspende. Ramons biologische Mutter ist Manuela. Samenbanken sind in der Schweiz verboten, ins Ausland zu gehen, kam für die beiden nicht in Frage. Ein weiterer Grund: «Wir wollen unserem Kind sagen können: Das ist dein Papi», erklärt Tanja. Bei Samenspenden ist das erst mit 18 Jahren möglich. «In unseren Augen sollte das Kind schon früher wissen, wer sein Vater ist.» Ramon hat Kontakt zu seinem Vater. Ihre Entscheidung haben sie nie bereut.

Tanja und Manuela stehen während des Gesprächs abwechslungsweise auf und kümmern sich um Ramon. Er kann sich zwar gut alleine beschäftigen, doch ab und zu will er zeigen, womit er gerade spielt.

Die biologische Hürde war nicht die einzige. «Wir haben uns noch mit verschiedenen, anderen Fragen auseinandergesetzt. Zum Beispiel: Wird das Kind gemobbt?», sagt Manuela. Wegen ihres Jobs kennt sie sich damit aus. «Wir wollen unser Kind stärken. Einfach mit einer anderen Form von Familie. So konnten wir auch diese Zweifel gut beseitigen. Ausserdem kann Ramon in der Schule erzählen: Ich habe Mamis und einen Papi.»

«Ehe für alle» lange überfällig

Ein Kind rundete die Liebe zwischen Tanja und Manuela ab. Das soll bald für alle homosexuellen Paare möglich sein: National- und Ständerat haben sich dieses Jahr für die «Ehe für alle» und Samenspende für lesbische Paare ausgesprochen. Zur «Ehe für alle» sagt Tanja: «Das war lange überfällig. Nicht nur wegen uns – allgemein. Wenn sich zwei Menschen dazu entscheiden, ihr Leben miteinander zu verbringen, und das auf Papier rechtlich festhalten wollen, dann sollte man ihnen das doch gewähren.»

Ob Tanja und Manuela heiraten werden, bleibt offen: «Ich finde den Brauch der Hochzeit sehr schön, dass man seine Liebsten einlädt und die Liebe feiert», sagt Manuela. Tanja sei immer der Meinung gewesen, dass es nichts bringe, weil sie schlussendlich doch nicht die gleichen Rechte hätten wie heterosexuelle Paare. «Wir hoffen aber, dass sich das jetzt ändert.» Tanja ergänzt: «Vor allem auch für andere. Die sollen einen einfacheren Weg haben, als den, den wir mit Ramon gehen mussten.»

Rechtliche Absicherung, Anwälte, Schriften, Hinterlegungen und Notar: Tanja musste verschiedenste Stationen durchlaufen, damit sie einen Anspruch auf Ramon hätte, falls Manuela etwas zustossen würde. «Der ganze Prozess war sehr nervenaufreibend und ging etwa eineinhalb Jahre», so Tanja. «Unverheiratete Heteropaare, die ein Kind haben, müssen rasch etwas unterschreiben und dann ist es gut. Bei uns war alles viel komplizierter.» Eine frustrierende Zeit, vor allem für Tanja.

Nach einem Jahr konnte Tanja Ramon adoptieren. «Jetzt ist er auf dem Papier mein Sohn.» Auf die Frage, wie erleichtert sie war, lacht und antwortet sie: «Komisch, Manuela hat sich mehr gefreut. Sie hat direkt einen Champagner kalt gestellt.» Manuela ergänzt: «Vom Gefühl her hat sich nichts geändert, er war ja von Anfang an unser Sohn.» Von da an war Ramon aber rechtlich Tanjas und Manuelas Sohn. Jetzt waren sie eine Familie. Eine Regenbogenfamilie, die nun komplett ist.

Der zweijährige Ramon zeigt eine Zeichnung, die er gemacht hat. Er zerknüllt das Papier und es knistert. Er schaut zu uns hoch, sein Blick sagt: «Was besprecht ihr da genau?« «Ein Kind braucht Vater und Mutter» – eine Aussage, die man in Bezug auf Regenbogenfamilien immer wieder hört. «Er hat ja einen Vater», sagt Tanja und lacht. Manuela sagt: «Es gibt Väter, die arbeiten 100 Prozent, kommen am Abend nach Hause und sagen ihren Kindern vielleicht rasch Gute Nacht. Da kann man sich auch fragen, was das denn für eine Vaterrolle sei.» Wichtig sei, dass das Kind wisse, woher es komme. «Ein Kind braucht grundsätzlich Liebe und Geborgenheit, und ich glaube, es ist egal, wer ihm das gibt.»

Angst vor dem Unbekannten

Es gibt sie immer noch: Personen, die etwas gegen homosexuelle Beziehungen haben. «Wir beide haben bisher keine Anfeindungen erlebt», sagt Tanja. «Alle in unserem Umfeld kennen uns ja als Mensch und Einzelperson. Sie haben sich über unsere Beziehung gefreut.» Manuela erlebt bei der Arbeit zum Teil homophobe Geschichten. «Die Jugendlichen nennen einander manchmal Schwuchtel. Sie sind dann ziemlich abschätzig.» Die Jugendlichen würden vorher vielleicht nicht darüber nachdenken, andererseits habe es auch mit dem kulturellen Hintergrund zu tun. «In gewissen Kulturen werden Homosexuelle nicht toleriert und die Jugendlichen kennen das dann nicht. Wir haben da noch viel Aufklärungsarbeit vor uns.»

Manchmal, da haben Tanja und Manuela Hemmungen, ihre Liebe in der Öffentlichkeit zu zeigen. «Wir würden jetzt nie Hand in Hand durch die Stadt laufen und dann noch mit Ramon. Das gäbe ganz bestimmt Reaktionen, auch negative.» Es gebe Leute, die hätten Angst vor dem Unbekannten und seien noch ganz in diesem Klischeedenken. «Alle Schwulen tragen Lederoutfits und was es alles noch so gibt», nennt Manuela als Beispiel. «Dabei sind wir ganz normal.»

Die Leute hätten keine Berührungspunkte. «Sobald du nicht der Norm entsprichst, schauen die Leute», so Tanja. Was sie sich wünschen: «Leben und leben lassen», sagt Manuela. Das würden sie ja auch vorleben, sagt sie. «Es wäre schön, wenn jeder so denken würde.» Ramon hat aufgehört zu spielen: Zeit für den z'Nacht und eine warme Milch.

*Namen der Redaktion bekannt

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. Dezember 2020 07:32
aktualisiert: 31. Dezember 2020 13:02