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Ausstellung

Éric Baudelaires Herzschlag in der Kunst Halle St.Gallen

11. September 2021, 10:06 Uhr
Brennende Themen der Gegenwart bilden den Schwerpunkte der Werke von Éric Baudelaire, der 2019 mit dem «Prix Marcel Duchamp» ausgezeichnet wurde. In der Kunst Halle St. Gallen präsentiert der Filmemacher und Künstler eigens für die Ausstellung geschaffene Arbeiten.
Der franko-amerikanische Filmemacher und Künstler Éric Baudelaire fotografiert in seiner Ausstellung «Death Passed My Way and Stuck This Flower in My Mouth» in der Kunst Halle St. Gallen.
© Keystone/GIAN EHRENZELLER

«Der Ausstellung gingen drei Jahre Vorbereitung voraus», sagt Giovanni Carmine, Direktor der Kunst Halle St.Gallen, beim Rundgang. «Die Realität beeinflusst, was wir tun», fügt er hinzu. Die Corona-Pandemie hat in den Werken des franko-amerikanischen Künstlers seine Spuren hinterlassen.

Für «Death Passed My Way and Stuck This Flower in My Mouth» realisiert Éric Baudelaire eine raumgreifende Videoinstallation. Im Zentrum des 25-Minuten-Films steht die grösste Kühlhalle Europas. Jeden Morgen werden unweit des Amsterdamer Flughafens Schiphol 46 Millionen Blumen aus Farmen in Afrika und Südamerika eingeflogen, sortiert und versteigert.

Kreislauf des Marktes

«Die Hälfte aller Schnittblumen geht durch diesen Markt», erklärt Éric Baudelaire. In langen Kamerafahrten zeigt der Filmemacher den Alltag in der riesigen Blumenfabrik. Die Videoinstallation vereint die Schönheit der Blumen und den Schrecken des globalisierten Handels. Bilder von unendlich scheinenden Blumenteppichen und riesigen Blumenfeldern mit langstieligen Rosen erzeugen mitunter einen fast poetischen Blick auf die Massenproduktion.

Die Verarbeitung der Blumen verdichtet sich nach und nach zu einer standardisierten Choreografie, in welcher Arbeiterinnen und Maschinen gleichermassen wie von Geisterhand geführt werden. Auch der Lärm der Maschinen hallt unentwegt durch die Ausstellungsräume.

Die Vergänglichkeit der Blumen steht dabei im Kontrast zum Kreislauf des Marktes. «Die Menschheit ist verrückt», sagt Baudelaire. Es mache keinen Sinn, die Natur vollständig kontrollieren zu wollen. «Nach einer Woche sind die Blumen verwelkt.» Sinnbildlich hat er ein paar Blumensträusse in Laborgläsern auf einen Tisch gestellt, nicht nur als Objekt, sondern auch ihrer vielfältigen Bedeutung wegen.

Kreislauf des Lebens

Die dokumentarischen Aufnahmen verbindet Baudelaire mit Szenen eines fiktiven Beobachters, der nachts durch die Strassen von Paris streift. Inspiriert wurde der Künstler dabei von Luigi Pirandellos Theaterstück «L'Uomo dal Fiore in Bocca» aus dem Jahr 1922. Der Protagonist des Stücks, wegen einer unheilbaren Krankheit dem Tod nahe, klammert sich an das Leben und sucht dessen Fülle in den kleinen Dingen des Alltags.

«Wie lebt man, wenn man weiss, dass man bald stirbt?»: Die Frage der Vergänglichkeit beschäftigt den Künstler genauso, wie die Auswirkungen der Corona-Pandemie. «Es ist die Idee des Verstehens durch die Betrachtung der verschiedenen Perspektiven auf die Welt», die Baudelaire in der Ausstellung anbietet.

Im letzten Raum hängt der Text des Theaterstücks von Pirandello in elf grossen Bahnen von der Decke. Die schwarzen Stoffbahnen erinnern an Trauerschleifen für Verstorbene. Der Text diente dem Künstler als Ausgangspunkt, um eine erzählende Ordnung zu schaffen, in der unsere Beziehung zur Welt und deren Endlichkeit thematisiert werden.

Flüchtige Augenblicke und zyklische Prozesse bilden ein Raster. Der Künstler hat seit Beginn der Pandemie statistische Daten gesammelt und diese in Wachsreliefs nachgezeichnet. In der St. Galler Kunstgiesserei wurden dafür grosse Wachsblöcke während des Schmelzens mit einem Roboterarm bearbeitet. Es sind Wachsspuren entstanden, die den Preis für Rosen, die Zahl der Corona-Toten oder die Zahl der Google-Suchen nach dem Wort «Einsamkeit» von Anfang 2020 bis Mitte 2021 abbilden. Ein Wachsrelief zeigt den Herzschlag des Künstlers an einem Tag im vergangenen Mai.

Die Ausstellung in der Kunst Halle St. Gallen dauert bis zum 28. November.

www.k9000.ch

Quelle: sda
veröffentlicht: 11. September 2021 10:05
aktualisiert: 11. September 2021 10:06