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Seltener Einblick

So intim wie noch nie – die Fahrt mit dem Voralpen-Express einmal anders

Lara Abderhalden, 28. Dezember 2021, 11:13 Uhr
Mein Liebesbrief an den Voralpen-Express hat sich gelohnt: Die Südostbahn hat darauf reagiert und mir nicht nur einen Kaffee und Rüeblikuchen ausgegeben, sondern ich durfte die Fahrt Luzern – St.Gallen einmal anders erleben: Im Führerstand und neben einem Kundenbegleiter – so lief unser erstes offizielles Date ab.
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Quelle: FM1Today/Andreas Wolf

Dieses Mal ist es Gleis 2, Bahnhof Luzern. Bei der Einfahrt des Voralpen-Expresses kribbelt es nicht so fest, wie in meinem Liebesbrief beschrieben. Aber ich glaube, ohne dabei die Luzernerinnen und Luzerner beleidigen zu wollen, der Bahnhof an sich, ist nicht das schönste, was die Stadt zu bieten hat. Mir fehlen die Churfirsten. Dennoch wirkt der Voralpen-Express auch hier irgendwie majestätisch. Die Sonne spiegelt sich in den Scheiben, elegant und gleichmässig gleitet der kupferne Blitz über die Gleise und kommt vor mir zum Stehen.

Genauso wie Christopher Hug, ein SOB-Kundenbegleiter. Fröhlich und freundlich gibt er mir die Faust, stellt sich als Zugbegleiter vor und sagt: «Ich habe heute Zeit.» Das ist schön. Wir steigen zuvorderst in den Zug, dort wo der Führerstand ist. Markus Kälin ist an diesem Tag der Chef über Knöpfe und Hebel.

«Ich kann nicht schneller fahren»

«Zuerst schalte ich alles ein», sagt der Lokführer, drückt ein paar Knöpfe und lässt die Storen etwas herunter, damit uns die Sonne nicht blendet. «Jetzt warte ich, bis das Signal dort vorne von rot auf orange und grün schaltet.» Wir warten und warten bis die erste Verspätung von drei Minuten Tatsache ist – und das noch bevor wir überhaupt losgefahren sind. «Ärgert Sie das?», will ich von Markus Kälin wissen. «Nein.» Er könne es nicht steuern, die ganze Steuerung passiere aus der Betriebszentrale. «Ich kann auch nicht schneller fahren, um die Verspätung wieder aufzuholen.»

Das wusste ich nicht. Das Signal stellt auf orange-grün. Markus Kälin schiebt einen Hebel nach vorne und der Zug beschleunigt automatisch auf 40 Stundenkilometer. «Die Arbeit eines Lokführers hat sich schon stark verändert», sagt Kälin. «Wir müssen nicht mehr so viel machen. Sehr vieles wurde digitalisiert. Dennoch braucht es aufgrund des immer dichteren Zugnetzes eine hohe Konzentration.»

«Ich fahre sehr gerne Zug»

Wir donnern durch den 2,1 Kilometer langen Musegg-Stadttunnel. Ein sehr enger Tunnel, sodass mir etwas schwindelig wird. «Da passen wir doch nicht durch?», frage ich den Lokführer. «Doch, doch», besänftigt mich dieser. «Das ist aber der Grund, warum hier keine Doppelstockzüge durchfahren.» Ich bin froh, können wir bald das helle Weiss erkennen, das das Ende des Tunnels signalisiert. Für mich war das definitiv zu eng.

«Mögen Sie die Strecke?», frage ich Kälin, während wir neben dem Vierwaldstättersee beim Verkehrshaus das erste Mal halten, dieser nickt und sagt: «Ja, sehr. Es ist eine der schönsten Strecken, die man als Lokführer fahren kann und nicht vergleichbar mit Fahrten nach Zürich oder Basel.» Und wenn er das sagt, muss es wohl stimmen – bereits seit rund 20 Jahren ist Kälin für die SOB unterwegs.

Christopher Hug ist seit rund einem Jahr Kundenbegleiter und das aus Leidenschaft. Während wir vom Führerstand ins hinterste Abteil laufen oder wackeln, grüsst er Pendlerinnen und Pendler, Seniorinnen und Senioren, Kinder und Familien. «Ich fahre sehr gerne Zug und habe gerne Menschen», bestätigt der 57-Jährige das Offensichtliche. Auch in der Freizeit nutze er oft den ÖV. «Dann lese ich ein Buch oder schaue nach draussen.» Sein absoluter Lieblingsmoment ist, wenn der Voralpen-Express in Herisau einfährt und der Säntis zu sehen ist.

Der gebürtige Arboner und jetzt in Wil wohnhafte Kundenbegleiter mag aber auch die Hochebene in Rothenturm: «Im Winter kommen sie mit den Langlauf-Skis in den Zug.» Am Tag unserer Fahrt liegt kein Schnee, aber der Nebel wirkt, als wäre die Zugsscheibe von unten beschlagen.

Mit Kaffee und Rüeblikuchen zurück nach Luzern

«Nächster Halt Pfäffikon – bitte alle Billette vorweisen»: Christopher Hug versucht, immer freundlich zu bleiben. «Die meisten Leute sind auch freundlich und haben ein Billett», sagt der 57-Jährige. «Sehr häufig tragen die Menschen Kopfhörer und wenn ich ihnen einen schönen Tag wünsche, nehmen sie diese heraus und fragen mich, was ich gesagt habe.» Häufig würde dann ein «danke, ebenfalls» kommen. «Natürlich gibt es auch Zugfahrten, in denen über Masken diskutiert werden muss oder sich Gäste sonst nicht an die Regeln halten, aber die sind eher selten.» Und im Gespräch liessen sich Konflikte meist lösen.

Wir haben mittlerweile die Verspätung irgendwie aufgeholt und kommen pünktlich in Wattwil an. Dort, wo alles seinen Anfang nahm mit mir und dem Voralpen-Express. Ich bewundere die Churfirsten durch das Fenster des hinteren, leeren Führerstandes, zu dem mir Christopher Hug Eintritt gewährt. Blicke nach Herisau, staune über das Sitterviadukt und geniesse die Abendsonne, die sich durch die Kirchen und hohen Gebäude in St.Gallen drückt und mein Gesicht erwärmt. Kaum angehalten, steht Christopher Hug schon draussen, winkt und wünscht den Zuggästen einen schönen Abend – fröhlich und freundlich wie bei unserer ersten Begegnung.

Für mich geht es zurück nach Luzern: Mit Kaffee und Rüeblikuchen, den mir die SOB netterweise offerierte. Und ernte dafür neidischen Blicke einer Damenriege, die nur Müsliriegel aus ihren farbigen Rucksäcken zaubert.

Unterwegs im Voralpen-Express mit Rüeblikuchen von der SOB.

© PilatusToday/Lara Abderhalden

Danke liebe SOB für diesen schönen Tag, ich habe ihn nicht einmal allzu vollen Zügen genossen. Und lieber Voralpen-Express, seid ich dir so nahe gekommen bin, besteige ich dich noch lieber. Lass uns gemeinsam noch durch viele, zu enge Tunnels gleiten.

Quelle: PilatusToday
veröffentlicht: 6. Dezember 2021 11:43
aktualisiert: 28. Dezember 2021 11:13