St.Galler Spitäler

Sparen und Schliessen – die neue Spitalstrategie in Kürze

28. November 2019, 14:33 Uhr
Regierungsrätin Heidi Hanselmann begründet die Schliessung der fünf Spitäler am Mittwoch in einer Medienkonferenz.
© KEYSTONE/Gian Ehrenzeller
Fünf St.Galler Spitäler sollen bis zum Jahr 2028 geschlossen werden – das beschliesst die St.Galler Regierung. Nur mittels der neuen «4plus5»-Strategie könne die Versorgung im Kanton St.Gallen gewährleistet werden. Hier gibt's die wichtigsten Antworten auf die Fragen, was die neue Strategie konkret bedeutet.

Was bewirkt die neue Spitalstrategie?

Im Zuge der neuen Spitalstrategie soll der Kanton St.Gallen zukünftig nur noch vier Spitäler an den Standorten St.Gallen, Wil, Uznach und Grabs haben. Die jetzigen Spitäler in Wattwil, Flawil, Altstätten, Rorschach und Walenstadt sollen in Gesundheits- und Notfallzentren umgebaut werden. In diesen Gesundheits- und Notfallzentren werden nur wenige Betten vorhanden sein, es werden keine Operationen oder Geburten durchgeführt. Gesamthaft werden über 330 Betten abgebaut. 

Was bedeutet die neue Strategie für die St.Galler und St.Gallerinnen konkret?

Für eine vollumfängliche Spitalversorgung müssten Patienten im Extremfall neu einen Fahrtweg von 30 statt 20 Minuten in Kauf nehmen. «Wichtig ist, dass jedermann innert 20 Minuten Fahrzeit Zugang zu einer Notfallstation mit professioneller Behandlung hat», sagt Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann im Interview mit FM1Today. Die Versorgung durch die Rettungsdienste, welche in 90 Prozent der Fälle innert 15 Minuten bei den Patienten eintreffen, bleibt wie bisher gewährleistet. 

Gibt es einen Stellenabbau?

Mit der neuen Strategie ist ein Stellenabbau von 60-70 Stellen geplant. Diese sollen jedoch über mehrere Jahre und durch natürliche Fluktuation abgebaut werden. Viele Angestellte müssten jedoch an einem neuen Standort arbeiten.

Wie viel Geld kostet die neue Strategie?

Der Kanton St.Gallen begleicht einmalig das derzeitige Defizit von 70 Millionen Franken. Mit der neuen Strategie müsste der Kanton die Spitalverbunde jährlich mit 20 Millionen Franken mehr unterstützen. «Der Kanton möchte jedoch weder eine Steuererhöhung, noch Sparmassnahmen in anderen Bereichen. Es ist eine Herausforderung, aber dank einem hohen Eigenkapitalbestand haben wir Reserven, um den Übergang zu bewältigen», sagt Regierungsrat Beni Würth gegenüber FM1Today.

Zusätzlich müssen die Spitäler jährlich mehrere Millionen Franken sparen. Mit der Zentralisierung werden die vier verbleibenden Spitäler aber auch mehr erwirtschaften als bisher. 

Gäbe es nicht eine andere Lösung?

Der Vorschlag, das Spital Flawil zu privatisieren, wurde von der Regierung abgelehnt. «Wir würden sonst doppelspurig fahren», sagt Heidi Hanselmann. «Dies hätte negative Konsequenzen für die anderen Spitalstandorte.» 

Die Gemeinde Wattwil schlug vor, das Spital in eine Stiftung auszulagern, in welcher der Kanton als Stifter zwingend dabei sein würde. «Das können Sie sich selber ausrechnen», sagt Regierungsrat Marc Mächler. Man müsste das Defizit decken, ohne volles Mitspracherecht. «Deshalb sind wir zum Schluss gekommen, dieses Angebot nicht annehmen zu können.»

Ab wann soll die Strategie umgesetzt werden?

Die neue Strategie soll schrittweise bis zum Jahr 2028 umgesetzt werden. Die Schliessung beginnt 2022 mit Rorschach und Flawil, 2024 soll Wattwil folgen, 2027 Altstätten und Walenstadt. Die Vorlage geht nun in die Vernehmlassung, entscheiden wird der Kantonsrat frühstens in der Aprilsession 2020. Voraussichtlich soll das Stimmvolk im Herbst 2020 darüber abstimmen.

Was passiert, wenn die Strategie vom Stimmvolk abgelehnt wird?

Die Regierung ist sich einig, dass nur durch ihre Strategie die Spitalversorgung in St.Gallen langfristig und nachhaltig aufrecht erhalten kann. Beni Würth prophezeit Düsteres, sollte sie nicht vom Stimmvolk angenommen werden. «Dann werden wir das Problem nicht lösen können. Die Bevölkerung müsste massiv höhere Ausgaben des Kantons in Kauf nehmen und die Tatsache akzeptieren, dass wir nicht gut aufgestellt wären, was die Rekrutierung von Fachkräften anbelangt. Die Gewährleistung von Qualität in unseren Spitälern wäre nicht mehr gegeben. Ich glaube, das kann nicht im Sinn der Bevölkerung sein.» 

Warum überhaupt eine neue Strategie?

Das Umfeld der Spitäler hat sich in den letzten Jahren schweizweit stark verändert. Dank des medizinischen Fortschritts steigen zwar die Heilungschancen der Patienten, er führt aber auch zu einer zunehmenden Spezialisierung und somit zu Rekrutierungsproblemen. Seit Jahren fehlt den St.Galler Spitälern das Geld, um ihre Gebäude, ihr Mobiliar und medizintechnische Apparaturen zu erneuern. Das Eigenkapital sinkt und die Schulden steigen.

(sar)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 23. Oktober 2019 15:22
aktualisiert: 28. November 2019 14:33