St.Gallen, die neue Scientology-Hochburg?

Nina Müller, 21. Juli 2019, 11:40 Uhr
Gemeinsam mit seiner Frau warnt Beat Künzi vor der Sekte Scientology.
© Keystone
Seit geraumer Zeit trifft man in St.Gallen vermehrt auf Stände von Scientology. Beat Künzi und seine Frau Yolanda Sandoval haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Menschen vor der Sekte zu warnen. Mit Tafeln auf denen «Achtung Sekte» steht, machen sie auf die Scientology-Stände aufmerksam.

Das Ehepaar Künzi aus Basel ist in letzter Zeit immer öfters in St.Gallen. Der Grund dafür ist Scientology. «Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass man die Leute über die Sekte aufklärt und ihnen sagt, dass sie aufpassen sollen», sagt Beat Künzi.

St.Gallen sei eine Hochburg der Sekte. Dies bestätigt Sektenexperte Hugo Stamm. Schweizweit sei zwar ein Rückgang der Sekte zu beobachten, in St.Gallen sei die Organisation aber besonders stark. Dem widerspricht Jürg Stettler von der Scientology Kirche Schweiz, St.Gallen werde wie viele andere Schweizer Städte regelmässig besucht, eine Scientology-Hochburg sei St.Gallen allerdings in keiner Weise.

«Einmal in der Sekte, kommt man kaum mehr raus»

Die Anwerbung von neuen Mitgliedern in St.Gallen verurteilt Stamm aufs Schärfste. Sei man einmal dabei, komme man kaum mehr heraus. «Man rutscht in eine Parallelwelt ab und bewegt sich nur noch im Rahmen dieser Sekte. Man muss enorm viel Aufwand leisten», sagt der Sektenexperte. Durch Wahrnehmungsverschiebungen haben die Mitglieder das Gefühl, im «Heil» zu landen, so Stamm weiter.

Sollen Stände verboten werden?

Gemäss Stamm müssten die Stände eigentlich verboten werden. Da Scientology aber als offizielle Kirche anerkannt ist, sei dies gesetzlich nicht möglich. Die Stadtpolizei St.Gallen widerspricht: Sie erhalte zwar immer wieder Beschwerden über die Stände, ihr seien aber die Hände gebunden, sagt Dionys Widmer. «Wir müssen uns an die rechtlichen Grundlagen halten und solange eine Organisation nicht verboten ist und aus Sicherheitsgründen nichts dagegen spricht, haben sie einen Anspruch auf eine Bewilligung», so der Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen.

Auch das Ehepaar Künzi fordert, dass die Stadt eine Limite für die Sektenstände setzt. Diese hat das aber nicht auf der Agenda und so bleibt den Künzis nichts anderes übrig, als immer wieder nach St.Gallen zu fahren, um vor den Scientologen zu warnen.

Scientology wehrt sich gegen Vorwürfe

Jürg Stettler von Scientology Schweiz widerspricht und sagt, wer aus der Ostschweiz kommt und sich für Scientology interessiert, muss nach Zürich. «Wir haben in St.Gallen weniger Mitglieder als in anderen Städten.» Es stimme auch nicht, dass mehr Standaktionen stattfinden. Das Ehepaar Künzi ist ihm bekannt, es gebe auch Strafbefehle gegen einzelne Personen dieser Gruppierung.

Scientology ist eine Neue Religiöse Bewegung, deren Lehre auf Schriften des US-amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard zurückgeht. In ideeller Hinsicht sind ihre Lehre und Praxis von szientistischen und psychotherapeutisch anmutenden Komponenten geprägt, die später um transzendente Aspekte erweitert wurden.
In der Öffentlichkeit sind sowohl der Religionscharakter als auch die Methoden der Organisation überaus umstritten. Dies gilt in besonderem Masse für Deutschland und Frankreich. In Deutschland wird die Scientology-Kirche seit 1997 in mehreren Bundesländern aufgrund eines Beschlusses der Innenministerkonferenz durch den Verfassungsschutz beobachtet.
Nina Müller
Quelle: nm
veröffentlicht: 19. Juli 2019 20:17
aktualisiert: 21. Juli 2019 11:40