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Drogen

St.Gallen kokst wieder weniger – trotzdem gibt es Grund zur Sorge

9. Juli 2021, 14:00 Uhr
In St.Gallen wird wieder weniger gekokst. Nachdem die Stadt 2019 im nationalen Vergleich am meisten Kokain pro Kopf konsumierte und im europäischen Vergleich auf Rang drei lag, sind die Zahlen 2020 wieder rückläufig. Das ist aber noch kein Grund zur Freude.
St.Gallen liegt im Europäischen vergleich auf Platz 4 beim Kokainkonsum. (Symbolbild)
© FM1Today

St.Gallen ist nicht mehr die Kokainhauptstadt der Schweiz. Das ergibt die Analyse der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht. Abwassermessungen zeigen, dass 2020 in St.Gallen 691 Milligramm pro 1000 Einwohner konsumiert wurden. Im Vergleich mit dem Rest Europas liegt die Stadt damit auf Platz vier hinter Antwerpen, Zürich und Amsterdam. Mit Bern und Genf befinden sich zwei weitere Schweizer Städte in den Top 10.

Zahlen beunruhigen trotzdem

Regine Rust, Geschäftsleiterin der Stiftung Suchthilfe, freut sich über die Zahlen, aber nicht wegen des Rückgangs. «Solch reine Daten werden wir vermutlich nie wieder bekommen», sagt sie gegenüber dem Tagblatt. Die Daten der Drogenbeobachtungsstelle sind 2020 während des ersten Lockdowns erhoben worden – als die Clubs geschlossen waren und alle sich im Homeoffice befanden. «Die Zahlen zeigen also, wie viel Kokain die Stadtsanktgallerinnen und -sanktgaller effektiv konsumieren», so Rust.

Die Expertin ist aber auch beunruhigt. Obwohl der Kokainkonsum 2020 in St.Gallen rückläufig war, ist er seit Jahren konstant auf einem hohen Niveau. Über die letzten acht Jahre hat sich der Konsum gar verdreifacht. Zum Vergleich: In Zürich hat sich der Konsum im gleichen Zeitraum bloss verdoppelt. Die Suchtexpertin erklärt die konstant hohen Zahlen wie folgt: Die Drogen sind bezahlbarer geworden und sind gesellschaftlich mehr akzeptiert.

Die Pandemie beeinflusste das Konsumverhalten

Woher der Rückgang beim Kokainkonsum in St.Gallen genau kommt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch es gibt Indizien. Infodrog, die Sucht-Fachstelle des BAG, hat 2020 während eines Monats von Mitte April bis Ende Mai Freizeitkonsumierende diverser Substanzen befragt, um herauszufinden, welche Auswirkungen die Pandemie auf ihr Konsumverhalten hatte. Es wurden etwas mehr als 600 Personen in der ganzen Schweiz befragt.

Laut des Berichts «Schweizer Suchtpanorama 2021» ist für Fachleute klar: Menschen, die vor der Pandemie Mühe hatten, ihren Konsum zu kontrollieren, sind während der Pandemie noch mehr gefährdet. Weshalb ist der Konsum also nicht gestiegen?

Es handelt sich um eine Verschiebung beim Konsum. Das Veranstaltungsverbot und die starke Beschränkung sozialer Kontakte hatte bei Konsumenten einen starken Einfluss auf die Einnahme von Partydrogen. So wurde anstatt zu MDMA, Ecstasy und Kokain vermehrt zu Alkohol, Tabak- und Cannabisprodukten gegriffen. Dies könnte auch an einer erhöhten psychischen und sozialen Belastung liegen. Eine weitere Vermutung ist, dass geringere berufliche und schulische Verpflichtungen oder fehlende soziale Kontrolle den Konsum begünstigten.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 9. Juli 2021 14:53
aktualisiert: 9. Juli 2021 14:00