Nach Wolfsriss

St.Galler Amt für Jagd: «Der Wolf muss wieder scheu werden»

9. August 2022, 17:56 Uhr
Der Wolf sorgt in letzter Zeit für Schlagzeilen. Immer häufiger gibt es Meldungen von Wolfsangriffen auf Kühe und Schafe. Auch im Kanton St.Gallen reissen Wölfe vor kurzem ein Rind. Wie geht es nun weiter? Das St.Galler Amt für Natur, Jagd und Fischerei gibt Auskunft.

Quelle: FM1Today/Thomas Bartlome/Tim Allenspach

Der Wolf in der Schweiz erregt die Gemüter. Die Meldungen von Rissen nehmen zu, die Forderungen nach dem Abschuss werden lauter. So auch nach dem Riss im St.Galler Calfeisental von vergangener Woche. Doch wie schlimm ist die Lage? Und wie sieht es in Zukunft aus? Dominik Thiel, Leiter des Amts für Natur, Jagd und Fischerei des Kantons St.Gallen, klärt auf.

Wird es in Zukunft mehr Wölfe in der Schweiz geben?
Dominik Thiel: Erfahrungsgemäss dürfte die Wolfspopulation jährlich um 30 Prozent wachsen. Momentan hat es noch genügend Nahrung und Platz und der Eingriff durch den Menschen ist gesetzesbedingt noch gering. Darum rechnen wir in den nächsten Jahren mit einem deutlichen Zuwachs.

Was beeinflusst oder stoppt den Zuwachs?
Es gibt eine ökologische Kapazitätsgrenze. Das heisst, ab einem gewissen Punkt hat der Wolf keine Nahrung mehr und die innerartliche Konkurrenz wird grösser. Also die Rudel fangen an sich zu konkurrenzieren oder töten sich gar gegenseitig. Dann gibt es noch die sozio-ökonomische Grenze: Wie lange ist es für den Mensch tolerierbar. Und diese Grenze ist deutlich tiefer.

Wie meinen Sie das?
Wir sehen heute schon die grossen Herausforderungen, die wir mit dem Wolf in unserer Kulturlandschaft haben. Momentan gibt es in der Schweiz 16 Rudel, es hätte aber Nahrung für mehr. Wenn das so weitergeht, werden die Nutzungskonflikte nur grösser.

Was denken Sie, welche Grenze wird zuerst erreicht: die ökologische oder die sozioökonomische?
Ich denke, dass es eine Mischung aus beiden sein wird – und es wird regionale Unterschiede geben. In den grossen abgelegenen Gebieten, die noch einen grossen Wildbestand haben, werden sich die Rudel entwickeln. In anderen Gebieten, wie beispielsweise in den Berggebieten und den Voralpen-Regionen, muss der Mensch vermutlich früher eingreifen.

Wird sich der Wolf weiter ausbreiten? Steigt der Druck aufs Flach- und Mittelland?
Der Druck wird steigen. Das ist das Ausbreitungsverhalten einer Wildtierart. Ähnliches können wir momentan beim Hirsch beobachten. Zuerst werden die guten, eher entlegenen Gebiete besiedelt. Ist die Dichte dort zu hoch, kommen sie in die weniger geeigneten Gebiete. Das bedeutet: Je mehr Wölfe es hat, desto eher werden sie auch im Flachland anzutreffen sein. Je näher der Wolf am Menschen ist, desto grösser werden die Konflikte. Aber auch die Sterblichkeit des Wolfes wird zunehmen, beispielsweise durch den Strassenverkehr, der regulierend wirken könnte.

Wie schätzen Sie das Zusammenleben mit dem Wolf ein?
Das Zusammenleben mit dem Wolf ist aus verschiedenen Gründen herausfordernd. Zum einen ist da die Angst vor dem Tier – es ist ein grosses Raubtier. Zum anderen gibt es grosse Konflikte mit der Landwirtschaft durch die Nutztier-Risse. Aber auch die Herdenschutzmassnahmen können zu Konflikten beim Tourismus führen. Fakt ist: Je mehr Wölfe, desto mehr Kontakt mit Menschen. Der Ruf nach Regulation dürfte dann lauter werden.

Sie sprechen die Regulation an. Ab wann lohnt sich diese?
Der Wolf ist eine geschützte Tierart und hat per Gesetz ein Lebensrecht. Regulationen sind nur im gewissen Masse erlaubt. Die jetzigen Mittel dürften nicht reichen, um das Wachstum der Population zu bremsen.

Eine erneute Ausrottung wird es also nicht geben?
Das kann ich mir mit der jetzigen Gesetzgebung nicht vorstellen. Aber wir wissen nicht, wie es weitergeht – und beim Wolf gab es immer grosse Überraschungen. Auch bei den Verhaltensprognosen ist es an vielen Orten anders gekommen, als es man erwartet hatte.

Wie kann denn ein Zusammenleben funktionieren?
Der Wolf muss sich mit uns arrangieren, respektive wir mit ihm. Das bedeutet, dass der Wolf wieder scheu werden muss. Momentan ist er das in gewissen Gebieten nicht. Ein Wolf, der den Menschen fürchtet und sich von Wildtieren ernährt, kann auch in Zukunft in der Kulturlandschaft überleben.

Wie kann man denn einen Wolf scheu machen?
In dem man ihn abschiesst. Nur so lernt der Wolf, dass der Mensch gefährlich ist.

Wie kann der Wolf das merken?
Wölfe sind sehr intelligente und soziale Tiere. Sie schauen sich Dinge ab und können aus Erfahrungen lernen. Wenn ein Rudel von Menschen bedroht oder gar Tiere geschossen werden, dann können sie sich das merken. Sie sind lernfähig. Das sehen wir jetzt auch an ihrem Jagdverhalten. Die Wölfe lernen nun, wie man beispielsweise Kühe angreift. Ist dies erfolgreich, werden sie dies auch öfters tun. Mit unseren Instrumenten können wir das Verhalten des Wolfes steuern.

Sie haben das Jagdverhalten angesprochen. Was sind die Gründe dafür, dass der Wolf nicht Wildtiere angreift?
Der Wolf ist ein Opportunist. Er geht den Weg des geringsten Widerstandes, um an Nahrung zu gelangen. Ein Wolf braucht etwa fünf Kilogramm Fleisch pro Tag. Wenn er merkt, dass er Rind reissen kann, und so mehr Nahrung erhält und keine Konsequenzen drohen, dann wird er dies auch vermehrt tun.

Ist es denn so abnormal, dass ein Wolf ein grosses Nutztier reisst?
Aussergewöhnlich ist es nicht, aber unerwünscht. Und der Wolf wird sich dort Nahrung beschaffen, wo es am einfachsten ist.

Wird das Verhalten denn vererbt?
Nein, vererbt wird es nicht, aber weitergegeben. Die Elterntiere geben ihr Verhalten an die Jungen weiter. Dafür gibt es auch in der Schweiz genügend Beispiele.

(red.)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 9. August 2022 17:56
aktualisiert: 9. August 2022 17:56
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