St.Gallen

Tausende Gesuche um Kurzarbeit eingegangen – «wir zählen nur noch die Kisten»

Fabienne Engbers, 20. März 2020, 14:22 Uhr
Leere Restaurants, keine Bergbahnen in Betrieb, keine geöffneten Geschäfts: Das Coronavirus sorgt für eine Wirtschaftskrise.
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Eine unkomplizierte Hilfe für Unternehmen, die von der Corona-Krise betroffen sind: Das fordern Vorsteher der St.Galler Wirtschaftsverbände und der Kanton. Sie verlangen vom Bund eine Ausweitung für Kurzarbeit, der Lohnausfall in der ganzen Schweiz dürfte um die 50 Milliarden Franken betragen.

«Die Situation ist unübersichtlich, täglich gibt es Änderungen, deshalb sind in dieser Situation alle gefordert», sagt Markus Bänziger, Direktor der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell. Am Mittwoch traf er sich mit den Vorsitzenden weiterer Wirtschaftskammern sowie dem Kanton St.Gallen zu einer «Krisensitzung».

Überlebensfähigkeit der Wirtschaft sichern

Es gehe um die Überlebensfähigkeit der St.Galler Wirtschaft, schreiben der Kanton und die Verbände in einer gemeinsamen Mitteilung.

«Nicht nur Unternehmen, sondern auch Selbstständige, 1-Mann-Betriebe und Angestellte mit einem zeitlich befristeten Vertrag wie zum Beispiel Fussballspieler müssen jetzt vom Instrument der Kurzarbeit profitieren können», fordert Bruno Damann, Vorsteher des St.Galler Volkswirtschaftsdepartement.

Ausserdem sollen Liquiditätsengpässe verhindert werden. Nur so können Massenentlassungen und Firmenschliessungen verhindert werden.

«Die Kisten voller Anträge stapeln sich»

1700 St.Galler Unternehmen aus allen Branchen haben bis Mittwochmittag beim Amt für Wirtschaft und Arbeit einen Antrag auf Kurzarbeit eingereicht, bis Freitagmittag dürften es rund 3000 Gesuche sein. «Wir haben aufgehört zu zählen, wir stapeln nur noch Kisten voller Dokumente», sagt Damann.

Normalerweise seien beim Kanton zwei Angestellte zuständig für die Sichtung der Kurzarbeitsanträge. «Mittlerweile haben wir auf zehn Personen aufgestockt, nächste Woche sollten wir nochmals so viel Unterstützung erhalten.» Fachleute aus allen anderen Abteilungen würden ins Wirtschafts- und Arbeitsamt abgezügelt.

«So etwas gab es noch nie»

«Vom Entscheid des Bundesrats vor allem betroffen sind Klein- und Kleinstunternehmen, die nicht mehr arbeiten dürfen», sagt Markus Bänziger. Vor allem im Tourismus, im Detailhandel und in der Gastronomie gibt es kleine Betriebe, die um ihre Existenz bangen. Er kann sich nicht erinnern, schon einmal eine Krise in diesem Ausmass erlebt zu haben.

Auf der anderen Seite gebe auch Unternehmen, die deutlich mehr ausgelastet sind als sonst: Lieferservices, Logistik und Onlinedienste sind sehr gefragt, die Mitarbeitenden dort leisten Sonderschichten.

Bis zu 50 Milliarden Franken Lohnausfälle

Die Wirtschaftsverbände rechnen nicht mit einer raschen Entspannung der Situation. «Was wir nun brauchen, ist Ausdauer», sagt Bänziger.

Dem stimmt auch Bruno Damann zu. «In der Schweiz werden jährlich 400 Milliarden Franken Lohn ausbezahlt. Geht man nun davon aus, dass die Hälfte aller Unternehmen für drei Monate Kurzarbeit beantragt, beläuft sich der volkswirtschaftliche Schaden auf 50 Milliarden Franken.»

Die zehn Milliarden Soforthilfe, die der Bundesrat bislang gesprochen hat, würden also nirgends hinreichen. Die St.Galler Wirtschaftsverbände und das Volkswirtschaftsdepartement hoffen deshalb, dass der Bundesrat heute nochmals Geld spricht und die Hürden für Kurzarbeit senkt.

Es braucht einfache Vorgehensweisen

Um die Unternehmen in der Krise zu unterstützen, fordern die Wirtschaftsverbände vom Bund nun wenig Bürokratie und mehr effektive Mittel. «Bis anhin war es nicht einfach, Kurzarbeit zu beantragen. Es ist gesetzlich festgelegt, dass gewisse Parameter erfüllt sein müssen, um Kurzarbeit anzumelden. Der Bundesrat muss diese Gesetze nun ändern, damit die Unternehmen von der finanziellen Soforthilfe profitieren können», sagt Bänziger.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. März 2020 14:24
aktualisiert: 20. März 2020 14:22