Rheineck

Trotz aller Widerstände: Das ist der erste Tätowierer der Schweiz

Krisztina Scherrer, 1. Januar 2021, 11:32 Uhr
Dietmar Gehrer, besser bekannt als Dischy, hat 1974 den ersten Tattooladen der Schweiz in Rheineck eröffnet. Der Anfang war nicht leicht, wollte man im Rheintaler Dorf doch keinen Tätowierer haben. Der heute 65-Jährige hat sich durchgesetzt und ist nun seit 46 Jahren im Geschäft.

Es surrt. «Sssssss». Die Tattoomaschine läuft. Langsam setzt er die Nadel auf die nackte Brust seines Kunden. Das surren wird intensiver. Die ersten Linien des neuen Tattoos sind gezogen.

Es ist Donnerstagnachmittag. Dietmar Gehrer sitzt auf einem braunen Ledersofa in seinem Tattoostudio. Er hat viel Zeit für das Gespräch mitgebracht. An den Wänden hängen Tattoo-Motive für sogenannte Old-School-Tattoos: Rosen, Anker und Pinup-Girls. In einer Ecke steht ein alter Zahnarztstuhl, auf diesem sassen früher seine Kunden. Tattoomaschinen sind in einer Glasvitrine ausgestellt. Auf der Vitrine steht eines seiner selbst gemachten Messer. Hier fühle er sich am wohlsten, sagt er. Er hat ein Bein über das andere geschlagen, die Hände liegen locker in seinem Schoss. Auf dem Sofa, auf dem er jetzt sitzt, warten sonst seine Kunden darauf, endlich unter die Nadel zu kommen.

Dietmar Gehrer ist besser bekannt als Dischy. Er will, dass man ihm so sagt. Zweimal schon hat er darauf hingewiesen. Beim zweiten Mal etwas fordernder: «Ich bin imfall Dischy.» Er senkt den Kopf etwas und seine blauen Augen schauen über den feinen Rand seiner runden Brille. Er trägt einen gepflegten Schnauz und Kinnbart. Am linken Ohr hängt ein Ring.

Weder «Knacki» noch «Halbstarke»

Dischy eröffnete sein Tattoostudio vor fast fünfzig Jahren in Rheineck. 1974 – eine Zeit, als man Tattoos noch mit «Knackis» in Verbindung brachte. Eine Zeit, in der diese Körperkunst nicht gerne gesehen war. «Damals nannte man uns auch Halbstarke», sagt Dischy und schmunzelt.

Wie ein «Knacki» oder «Halbstarker» sieht er aber nicht aus. Der 65-Jährige trägt eine schwarze Jeans und ein dunkelblaues Hemd, die ersten zwei Knöpfe offen, die Ärmel nach hinten gekrempelt. Die Tattoos an seinen Armen lugen unter dem Hemd hervor. Mehr Tattoos sieht man nicht. Über dem Hemd trägt er eine braune Weste.

«Tätowierer zu werden, war nicht mein Wunsch. Das ist einfach so entstanden», sagt der 65-Jährige. An den Tattoos habe ihn damals höchstens fasziniert, dass sich viele Menschen darüber aufregten. Mit 12 Jahren hat er das erste Tattoo gestochen – sich selbst. «Ich las in der Zeitung über Gefängnisinsassen, es war beschrieben, wie sie sich gegenseitig tätowierten. Ich wollte das auch ausprobieren. Das Tattoo wurde zwar nicht schön, aber es hat gehalten.»

Dietmar Gehrer ist in Höchst in Vorarlberg aufgewachsen. Wenn er spricht, hört man den Dialekt sofort heraus. Mit 17 Jahren ist er nach Rheineck «übersiedelt», zu seiner damaligen Freundin. Mit 19 eröffnete er dort auch sein Studio. Gleich an der Hauptstrasse, neben der «Sonne» und schräg gegenüber von einem Veloladen. Der Standort hat bis jetzt nicht gewechselt.

Ein Tattoostudio in Vorarlberg wäre 1974 undenkbar gewesen. «Damals gab es noch ein Gesetz, welches das Tätowieren verbot», sagt Dischy. Er macht grosse Augen: «Stell dir vor, das Gesetz stammte aus dem 18. Jahrhundert. Es wurde verboten, weil sich die Soldaten gegenseitig tätowierten und mit Syphilis und allem Teufel ansteckten.» Er verwirft die Hände. «Hygiene gab es damals halt keine», Dischy lacht. «Gut, in den 70ern auch nicht, aber es war besser.»

Angst vor dem Unbekannten

Seine Eltern hätten sich mit seinem Job abgefunden, das Umfeld in Rheineck reagierte eher negativ auf das Tattoostudio. Es wurden sogar Steine durch das Fenster geworfen. «Manch einer hat zur Türe ‹reingehept› – aber ich erzähle jetzt besser nicht, was sie sagten.» Er macht eine Sprechpause und schaut kurz weg. So als lasse er diese Szenen Revue passieren. Bestimmt keine schöne Erinnerung. «Die Leute haben das gemacht, weil ihnen das Tätowieren unbekannt war.»

«Ssssssssss». Dischy hält die Tattoomaschine in seiner linken Hand. Das Motiv, dass er seinem Kunden tätowiert, hat er auf ein A4-Blatt ausgedruckt und aufgehängt. Immer wieder schaut er es sich an. Dann setzt er zu den nächsten wichtigen Zügen auf der nackten Haut an.

Dischy erzählt, dass er auf seinem Weg auch bestärkt wurde: «Meine Schwiegermutter gab mir moralische Unterstützung. Sie war sehr aufgeschlossen.» Sie wirtete in der «Sonne», einer Kneipe direkt neben dem Tattoostudio, und hatte einen gewissen Einfluss auf ihre Gäste, sagt Dischy. «Wenn sich einer von ihnen über mich und das Studio beklagte, hat sie denen aber die Meinung gesagt. Da nahm Sie kein Blatt vor den Mund.»

Mit 21 Jahren heiratete er, Kinder hat er keine. Seine Frau starb vor 20 Jahren. «Die Schwiegermutter starb vorher. Wir haben dann die ‹Sonne› übernommen. Das war noch praktisch, dann konnten die Kunden gleich nebenan warten», sagt Dischy. Es wirkt so, als erinnere er sich an einen schönen Moment mit seiner verstorbenen Frau und seiner Schwiegermutter.

Andere Pläne als das Tätowieren hatte er «schon». Doch es hat «halt» zu seinem Lebensstil gepasst. «Ich habe mich in Kreisen bewegt, wo das Interesse für Tattoos da war», sagt er. Das waren hauptsächlich Gangs oder Töffclubs. In diesen Kreisen sprach sich herum, dass es im kleinen Dorf in der Ostschweiz einen Tätowierer gibt. «Ich war in der ganzen Deutschschweiz bekannt», sagt Dischy. «Wenn sich einer von denen hier tätowieren liess, war früher oder später die ganze Clique da.»

«Der Teufel auf der Seele»

Ans Aufhören dachte Dischy nie. Seine Ausbildung zum Velomechaniker brach er ab. Velofahren gehört nebst dem Töfffahren trotzdem noch zu seinen Hobbys. «Heute ist es einfach ein E-Bike.» Auch Stolpersteine, wie die fehlende Solidarität unter den Tätowierern am Anfang seiner Karriere, haben ihn nicht zum Aufhören animiert. «Die Tätowierer waren der Teufel auf der Seele», sagt er. Vor allem dann, als er auf der Suche nach Farbe war.

Immer wieder war Dischy damals in Amsterdam. Nur wegen dem Tätowieren. «Die hatten da extrem Angst vor Konkurrenz, obwohl ich in der Schweiz lebte und arbeitete. Die wollten mir ‹ums Verrecken› nicht sagen, woher sie die Farbe hatten», sagt Dischy. Heute begreife er ihre Angst. «Die hatten eben auch Kunden aus der Schweiz.»

«Ssssssssss», Dischy tunkt die Spitze der Nadel in die Tinte. Wer ein Tattoo hat, weiss was passiert, sobald er die Nadel wieder ansetzt: Es wird heiss auf der Haut. Es fühlt sich ein bisschen so an, als drücke man sich einen Fingernagel tief in die Haut. Die Nadeleinstiche und der damit verbundene Schmerz sind aber erst so richtig spürbar, wenn der Tätowierer wieder von einem ablässt.

Wieder weist ihm ein Zeitungsbericht den Weg. Den Weg zur Farbe. «Es gab einen Tätowierer in Frankfurt, der war eher unbekannt, weil er hauptsächlich Amerikaner der Militärbasen tätowierte», erzählt Dischy. «Ich dachte: Das ist ja super, Frankfurt ist nicht so weit weg wie Amsterdam. Ich bin dann mit ihm in Kontakt getreten. Er half mir und unterstützte mich.» Von ihm gab es Farbe und eine Profimaschine.

Dischy erzählt im Video von seinen Anfängen:

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Quelle: FM1Today / Krisztina Scherrer

Tribals – ein fantasieloser Trend 

Mittlerweile hat Dischy etwa 15'000 Tattoos gestochen. «Bei 10'000 habe ich aufgehört zu zählen.» Seine Kundschaft hat sich gewandelt. Von den Rockern würde er heute verhungern, sagt er und grinst. Nicht nur weil es mittlerweile viel mehr Tattoostudios gibt. Ende der 70er, anfangs der 80er, gab es eine Welle. «Die Leute wollten diese Fantasy-Figuren als Tattoo. Später kamen dann die Tribals.» Was Dischy von diesen Tribals hält, wird mit diesem Satz ziemlich deutlich. «Die sehen aus wie Zierstreifen an einem Auto. Das hat Überhand genommen. Irgendwann musste ich nur noch diese schwarzen Bälken machen.»

Bis heute kann er sich nicht über mangelnde Kundschaft beklagen. «Ich muss sie höchstens abwehren», sagt er und grinst. «Es ist ein toller Job. Wenn du ein Leben lang nichts anderes getan hast und du machst es immer noch gerne, ist es einfach schön. Mehr kann ich nicht sagen.» Er möchte mindestens noch bis 2024 arbeiten. «Ich will die 50 Jahre Tattooladen voll machen.» «Ssssssssss», noch immer sitzt der 65-Jährige voll konzentriert am Tattoo. Linie um Linie sticht Dischy in die nackte Brust seines Kunden. Bald ist erkennbar, was für ein Motiv sein Kunde ausgewählt hat. Das Kunstwerk ist zwar noch nicht ganz fertig, das ist aber egal. Denn die Geschichte von Dischy kennen wir jetzt.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 1. Januar 2021 11:32
aktualisiert: 1. Januar 2021 11:32