Gothic-Party im Versuchsstollen

«Wir sind keine Satanisten»

Dario Cantieni, 22. September 2019, 08:45 Uhr
Eine Party in einem langen, dunklen Tunnel mitten im Berg. Kerzenlicht flackert an den Wänden und es kommen einem Gestalten mit Hörnern und Totenköpfen entgegen. Willkommen an der legendären Gothic-Party im Versuchsstollen Hagerbach.

Schrecklich verzerrte Fratzen, die einen aus dunklen, toten Augen anstarren und immer näher kommen. Lange Haare hängen zottelig über die Schulter, die Gewänder sind Schwarz wie die Nacht. Ihnen gegenüber Menschen mit tief schwarz geschminkten Augen, langen Mänteln und eng geschnürten Korsetts, die auf einem kleinen Zug an den Schreckgestalten vorbeifahren.

Wir befinden uns im «Sektor Angst», der party-eigenen Geisterbahn im Versuchsstollen Hagerbach in Flums bei Sargans. Die mit den verzerrten Fratzen sind verkleidete Monster, die mit den geschminkten Augen begeisterte Besucherinnen und Besucher. «Eine Nacht im Bergwerk» – so heisst die Partyreihe, die schon seit Jahren Gothic-Freunde aus der ganzen Welt anzieht. So auch an diesem Abend.

«Wir sind 800 Kilometer gefahren»

Würde einem das Navi nicht von der Hauptstrasse weisen, man würde sie wohl nicht freiwillig verlassen. Samstagabend, gefühlt irgendwo im Nirgendwo. Die dunkle Strasse, die einen von der verlassenen Hauptstrasse in Richtung Versuchsstollen bringt, sieht mehr aus wie der Anfang eines Tatorts, denn der Anfang einer Partynacht.

Doch schon nach wenigen Metern erreicht man den Parkplatz und es reihen sich Autos aus der ganzen Schweiz und nicht wenige aus Deutschland aneinander. Eines davon gehört Regina aus Ulm und Hanne aus einem kleinen Ort bei Bielefeld. «Wir sind locker 800 Kilometer gefahren, um hier zu sein», verkünden sie nicht ohne Stolz. Und sie wissen jetzt schon, sie kommen nächstes Jahr wieder.

Hanne, die in einem Monat 60 Jahre alt wird, schwärmt von der Gothic-Bewegung. «Wir gehen alle sehr respektvoll miteinander um, Gothic ist eine Lebenseinstellung.» Und ihre Kollegin Regina pflichtet ihr sofort bei: «Wir sind einfach glücklich, ohne viel Stress hier beisammen zu sein und die Musik geniessen zu können.»

Gothic-Party im Versuchsstollen

Hanne und Regina laufen auch im Alltag so rum – auch wenn Hannes Enkel sich für ihre Oma schämen, wie sie sagt.

© Dario Cantieni/FM1Today

Bankerinnen, Verkäufer oder Chefsekretärinnen

Es sollte nicht die letzte überaus nette Begegnung des Abends bleiben. Da sind Nadine, Rainer und Adrian aus dem Rheintal. Sie haben Hörner auf dem Kopf, in der Mitte einen Totenkopf und dazu lila Haare. «Es gibt Leute, die uns als Satanisten bezeichnen, ja. Aber das sind wir überhaupt nicht. Wir sind einfach Menschen, die Freude haben. Und nicht irgendwelche Rituale zelebrieren.» Rainer nebenan nickt und meint: «Alles liebe Leute.»

Er arbeitet als Verkäufer in einem Baumarkt. Klar, da könne er nicht so rumlaufen, mit langem schwarzem Mantel und Ketten um den Hals. Aber er sagt ganz klar: «So wie ich jetzt rumlaufe ist normal, sonst bin ich verkleidet.» Ein paar Meter weiter den Berg hinein (der Versuchsstollen besteht aus schier endlosen Gängen, die in den Felsen gefräst wurden) steht Corinne. Das einzig Farbige an ihr sind die blauen Augen und die roten Haare. Sonst trägt sie einen grossen, schwarzen Jupe und ein schwarzes Oberteil.

Nicht gerade das Outfit, das man mit einer Bankangestellten in Verbindung bringt. Aber Corinne, die unterdessen in Lausanne wohnt und extra für die Party angereist ist, arbeitet sonst tatsächlich auf der Bank. Und darf sich trotzdem so anziehen. «Ich habe keinen Kundenkontakt, da ist es ok, wenn ich ganz in schwarz rumlaufe.»

Währenddessen steht ihr Cousin Roger, der in der Politik tätig ist, nebenan und trinkt ein Bier mit einem Röhrchen. Auf seinem T-Shirt prangt ein Skelet, das mit den knochigen Händen ein Herz formt, um den Hals trägt er ein Nietenhalsband. Er liebt es, wenn er auffällt. «Mit meinem Outfit kann ich Leute zum Denken bewegen, sie werden angeregt.» Und Corinne meint: «Klar bin ich auch schon beleidigt worden auf der Strasse. Aber wenn ich so rumlaufe und die Leute mich anstarren, dann kann ich mir immerhin ein bisschen vorstellen, wie es anderen Minderheiten bei uns geht.»

Doch von Minderheiten ist an diesem Abend nichts zu spüren. Es fühlt sich mehr an wie ein grosses Klassentreffen, bei dem der Verkäufer Rainer mit der Bankerin Corinne, dem Politiker Roger oder der Chefsekretärin der Uniklinik in Ulm, Regina, eine gute Zeit erlebt. «Wir sind alle sehr friedlich, es braucht keine Security bei dieser Party. Falls etwas passiert, würden wir einander gegenseitig helfen», so Roger.

Gothic-Party im Versuchsstollen

Sinnbildlich für die Gothic-Bewegung. Ein Totenkopf-Gugelhopf, der auf den ersten Blick gruslig aussieht, aber einen weichen Kern hat.

© Dario Cantieni/FM1Today

Was ist Gothic eigentlich genau?

Auf diese Frage bekommt man immer wieder dieselbe Antwort. Egal, ob die Besucherin 60 oder 26 ist. Die Gothic-Community will eine gute Zeit zusammen erleben. Friedlich, gemütlich und gemeinsam. Hanne aus Deutschland zeigt auf die Partygäste im Versuchsstollen und meint: «Wenn alle Menschen auf der Welt so wären wie die hier – wir hätten viel weniger Probleme.» Und Roger erzählt vom WGT in Leipzig. Einem jährlichen Gothic-Festival mit rund 30'000 Besucherinnen und Besuchern. «Wenn du da vier Bands pro Tag siehst, dann bist du gut. Weil meistens lernt man so viele neue Leute kennen, dass man fast nicht mehr zu den Konzerten kommt.»

Klar, die oberflächliche Verbindung der Gothic-Bewegung besteht aus Kleidern und Musik. So auch an diesem Abend: Dumpfe Bässe mischen sich mit sphärischen Klängen und der rauen Stimme des Frontsängers einer Band aus Osteuropa. Vor der Bühne tanzen Leute mit Zylindern, Schnürstiefeln und Smokey Eyes (egal, ob Mann oder Frau). Aber das Gefühl, das an diesem Abend in der Luft zu hängen scheint, ist ein anderes. Man verzeihe den pathoshaften Kitsch-Schluss, aber die Gothic-Bewegung schaffte es, die kalten Mauern des Versuchsstollens zu erwärmen. Mit viel Offenheit und Herzlichkeit. Trotz Hörnern und Totenköpfen … oder vielleicht gerade darum.

Alle Bilder der Gothic-Party findest du in der Bildergalerie.

Dario Cantieni
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 22. September 2019 08:45
aktualisiert: 22. September 2019 08:45