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Tötungsdelikt Lichtensteig

«Zehn Minuten meines Lebens war ich ein Töter»

18. Juni 2020, 18:28 Uhr
Der 42-jährige Niederländer, der vor vier Jahren den Besitzer des Lichtensteiger Musikmuseums getötet hat, soll laut Staatsanwaltschaft 15,5 Jahre ins Gefängnis. Der Verteidiger fordert, dass der Gefangene freikommt. Dieser ist geständig und bereut die Tat.
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Quelle: tvo

Der 42-jährige Angeklagte trägt ein helles Hemd. Oberhalb der spitzen Lackschuhe befindet sich eine Fussfessel. Der kleinere, leicht gebräunte Mann spricht am Donnerstag vor dem Toggenburger Kreisgericht über die Tatnacht. Er zeigt kaum Regungen, spricht mit tiefer, leiser Stimme. Es klingt, als hätte er die Geschichte schon mehrmals erzählt.

Drogen und Alkohol konsumiert

Der Angeklagte berichtet von seinem Aufenthalt in Lichtensteig. Von seinem Besuch beim Opfer Fredy K., dem ehemaligen Besitzer des Musikmuseums. In der Nacht, in der Fredy K. getötet wurde, hätten die beiden Drogen konsumiert und Alkohol getrunken, sagt der Niederländer.

Gemäss Aussagen des 42-jährigen Beschuldigten habe Fredy K. ihn erniedrigt und dazu aufgefordert, Drogen zu nehmen. Dies sei in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai vor vier Jahren passiert. Irgendwann sei er in die Küche gegangen, um Wasser zu trinken, dort habe er das Messer liegen sehen, mit dem er sich zuvor Käse geschnitten hatte.

«Das hätte nie passieren dürfen»

Mit dem Messer sei er zurückgekehrt und habe mehrmals auf das 62-jährige Opfer eingestochen. Der Angeklagt sagt, er könne sich nicht erklären, warum er das getan habe. «Das hätte nie passieren dürfen», sagt er, «vielleicht war der Auslöser die Mischung aus Alkohol, Drogen und Erniederigung». Nach der Tat habe er die Drogen, Wertsachen und das Auto genommen, sei damit zum Bahnhof gefahren, mit dem Zug nach München gereist und von dort nach Thailand geflogen.

In Thailand wurde er rund einen Monat später verhaftet. Acht Monate verbrachte er in einem Gefängnis in Thailand, aktuell befindet er sich in einer Schweizer Strafanstalt.

Brutal vorgegangen

Die Töchter des Opfers halten sich während der Aussagen des Beschuldigten die Hände, schütteln immer wieder den Kopf. «Einen Vater auf diese Weise zu verlieren, ist schlimm und unnötig», sagt der Anwalt der Privatklägerinnen. Für die beiden sei die Tat immer noch sehr schmerzhaft und sie würden hoffen, mit einer Verurteilung den Trauerprozess abschliessen zu können. Der Anwalt fordert eine Verurteilung wegen Mordes und Genugtuungen und Schadenersatz für die Privatklägerinnen in der Höhe von über 100'000 Franken.

Verteidigung fordert, Mandanten auf freien Fuss zu lassen

Auch die Staatsanwältin zweifelt nicht an der Schuldfähigkeit des 42-jährigen Niederländers. Er sei brutal vorgegangen und sich der Tat bewusst gewesen. Da die Tat besonders skrupellos gewesen sei, sei er des Mordes und nicht der vorsätzlichen Tötung schuldig zu sprechen. Neben Mordes solle er auch wegen Raubes verurteilt werden. Dies ergebe eine Freiheitsstrafe von 15,5 Jahren.

Auf der Gegenseite plädiert der Verteidiger des Angeklagten auf Totschlag. Er verlangt eine Gefängnisstrafe von drei Jahren. Weil der Beschulidgte diese Strafe bereits abgesessen hat, soll er laut Verteidiger auf freien Fuss gesetzt werden. Sein Mandant sei ein «Gefangener» von Fredy K. gewesen und habe unter psychischem Druck gestanden.

«Ich schäme mich»

Am Schluss der Verhandlungen am Donnerstagnachmittag hat der Angeklagte das Schlusswort. Die Tatnacht sei der schlimmste Tag seines Lebens gewesen, sagt der Niederländer. «Ich hätte nie gedacht, dass ich jemandem das Leben nehmen könnte. Ich ekle mich vor mir selbst und werde die Tat mein ganzes Leben bereuen.» Er habe Grosskindern ihren Grossvater und Kindern ihren Vater weggenommen. «39 Jahre meines Lebens war ich ein anständiger Mensch, zehn Minuten war ich ein Töter und das werde ich immer bleiben. Ich schäme mich.» Er wolle wieder arbeiten, wenn er frei komme und alles Geld zurück zahlen, das er gestohlen habe. «Wäre ich nur niemals in die Schweiz gekommen.»

Das Urteil der Kreisrichter wird zu einem späteren Zeitpunkt eröffnet.

(abl)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 18. Juni 2020 11:43
aktualisiert: 18. Juni 2020 18:28