Bodensee

Diente das «Unterwasser-Stonehenge» als Kultstätte?

17. November 2022, 19:53 Uhr
Auf dem Grund des Bodensees verstecken sich entlang des Ufers rund 170 mysteriöse Steinhügel. Die Steinhaufen wurden nun von Archäologen und Tauchern genauer unter die Lupe genommen. Jetzt haben die Forschenden eine neue These.

Quelle: TVO

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In Kesswil gräbt ein Bagger ein Loch – mitten im Bodensee. Der Bagger ist allerdings nicht in einem Baueinsatz, sondern er forscht. Denn mit Hilfe des Baugefährts wollen die sonst so vorsichtigen Archäologen mehr über die mysteriösen Steinhaufen am Seegrund erfahren. «Wir wollen einen tieferen Schnitt, damit man den Schichtaufbau sauber erkennen kann, vom Seegrund über die Steinschicht», erklärt Simone Benguerel, Archäologin im Amt für Archäologie des Kantons Thurgau, gegenüber TVO.

Holz soll Aufschluss geben

Zudem hoffen die Forschenden darauf, Hölzer bergen zu können. Bereits am Mittwoch wurde ein solches Stück entdeckt. Dies ist ein Meilenstein, weil sich das Holzstück zurückdatieren lässt und so viel über den Zeitpunkt des Baus der Steinhaufen erzählen kann. Zudem zeigt das Holzstück primitive Bearbeitungsspuren auf. Ein Beweis, dass es von Menschen gemacht wurde.

Der untersuchte Steinhügel dürfte rund 5000 Jahre alt sein und fällt somit in die Jungsteinzeit. Auch der zweite Hügel, der untersucht wurde, ist etwa gleich alt – eine Überraschung für die Forschenden. «Wenn wir von 170 Hügeln zwischen Romanshorn und Altnau sprechen, dann kann das nicht von einer Pfahlbauer-Dorfgemeinschaft allein stammen», erklärt Urs Leuzinger, Leiter des Museums für Archäologie des Kantons Thurgau, gegenüber TVO. Laut Leuzinger spreche dies dafür, dass mehrere Dörfer am See aktiv das gleiche Ziel verfolgten. «Dies deutet wiederum auf eine gewisse Hierarchisierung in der Gesellschaft. Es müsse also eine Führungsperson gegeben haben, die dies für wichtig hielt.

Geschichtsbild könnte sich ändern

Was der Nutzen der Steinhaufen war, kann noch nicht genau gesagt werden. Leuzinger nennt als Möglichkeiten kultische Handlungen oder Begräbnisplattformen. Falls es sich bei den Hügeln tatsächlich um religiöse Kultstätten handeln sollte, würde dies das Geschichtsbild massiv verändern. Denn bis jetzt war nicht bekannt, dass Pfahlbauer in grösseren Gruppen ausserhalb ihrer Siedlung Verbindungen pflegten.

Bis jetzt sind dies allerdings nur Theorien. Die Steinhaufen könnten auch einfach ein sozialer Treffpunkt oder eine Hilfe beim Fischen gewesen sein. Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, soll schon bald ein dritter Haufen untersucht werden.

(red.)

Quelle: TVO
veröffentlicht: 17. November 2022 20:15
aktualisiert: 17. November 2022 20:15