Kariem Hussein

«Ein Gefühl, aufhören zu wollen, habe ich noch gar nicht»

Fabienne Engbers, 26. Mai 2020, 09:24 Uhr
Mitten in der Corona-Krise haben wir den Thurgauer Hürdenläufer Kariem Hussein zum Interview getroffen. Er sagt uns, weshalb er nicht gegen einen Laser rennen will und dass es vielleicht gut ist, wenn wir einander weniger anfassen.

Kariem Hussein, die ganze Welt steht momentan Kopf. Auch Sportler sind davon nicht ausgenommen. Wie sieht es bei dir aus?

Ich habe ziemliches Glück, weil es immer Sportanlagen gab, die geöffnet waren. Sportlich gesehen ist mein Alltag deshalb weitgehend normal. Der grösste Unterschied ist, dass ich ohne Trainer trainiere. Privat bin ich zu Hause und höre meine Freunde und Familie über Facetime.

Dein Training wird so ganz ohne Trainer und andere Sportler, die dich pushen, aber wohl doch aussergewöhnlich ablaufen?

Es ist schon speziell. Man muss sich selbst eine Struktur zurechtlegen und sich selbst Vorgaben machen. Ausserdem erhalte ich kein Feedback, das ist ungewohnt – und ich kann mich nicht mit anderen Athleten austauschen.

Mir fällt es grundsätzlich nicht schwer, alleine zu sein. Trotzdem bin ich froh, dass diese Zeit langsam aber sicher vorbei ist.

Wie läuft deine Saison 2020 nun ab, da ja alle Wettkämpfe abgesagt sind?

Wir trainieren in Phasen. Wir beginnen mit dem Aufbau. Je näher der Wettkampf kommt, desto spezifischer ist das Training. Durch die Absage der Wettkämpfe ist alles aufgeschoben. Dadurch wird die Aufbauphase deutlich länger.

Mir kommt das nach der langen Verletzungspause entgegen, so kann ich länger an der Basis arbeiten und muss meinem Körper nicht zu früh viel abverlangen.

Was erhoffst du dir von der – verspäteten und verkürzten – Wettkampfsaison 2020?

Ab Juni können theoretisch Wettkämpfe stattfinden. Die Disziplinen werden so durchgeführt, dass man die Social-Distancing-Regeln einhalten kann.

Ich hoffe, dass die Schweizermeisterschaften anstelle des Weltklasse-Zürich-Meetings im Letzigrund stattfinden, so à la «Schweizklasse Zürich». Vielleicht sogar mit Zuschauern im Stadion. Das motiviert mich und wäre wohl für alle Athletinnen und Athleten sehr cool.

Hast du auf nationalem Niveau denn genug Konkurrenz, die dich an einer Schweizermeisterschaft fordern kann?

Ganz klar, ja. Einerseits ist es ja nicht nur die Konkurrenz, welche einen fordert, als Sprinter wird man auch immer an einer Zeit gemessen. Meine Anforderung an mich ist, mich zu verbessern. Andererseits ist die Breite an Talenten in der Schweiz nicht schlecht, in den letzten Jahren sind viele Talente nachgekommen.

In Norwegen kursiert die Idee, dass ein Laser als Zeitmarke bei Meetings mitläuft und man gegen die Zeit rennt. Würdest du dir das in der Schweiz auch wünschen oder ist das eher hinderlich?

Weder noch. Sport lebt vom Duell. Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Die Leute kommen nicht, um Rekorde zu sehen, schon gar nicht, wenn die Sportler gegen eine rote Linie antreten.

Dieses Jahr dürfte man wohl nach einem Duell weder einen Handshake noch Küsschen sehen.

(Lacht.) Das fällt einem je nach Gegner vermutlich gar nicht so schwer. Grundsätzlich haben wir es gut miteinander, trotzdem sind wir Konkurrenten und Konkurrentinnen.

Die Olympischen Spiele sind auf 2021 verschoben. Wirft das deine Vorbereitung und deine Formkurve jetzt komplett über den Haufen?

Gar nicht. Ich komme aus einer Verletzung und bin froh, dass ich noch ein zusätzliches Jahr zur Vorbereitung habe. Ich bin immer noch topmotiviert.

Mein Ziel ist es, diese Saison die bestmögliche Form zu erreichen und dann in der kommenden Saison darauf aufzubauen.

Du hast 2012 und 2016 mit Verletzungen gekämpft, jetzt wird 2020 verschoben. Hast du keine Angst vor einem Olympischen «Kariem-Fluch»?

Nein, gar nicht, alles andere wäre auch schlimm. Zwei Mal sollte es nicht sein, so spielt das Leben. Jetzt habe ich eine dritte Chance, vielleicht auch noch eine vierte und fünfte – wir werden sehen.

Du hast dein Medizinstudium jetzt abgeschlossen. Weisst du schon, wann es dich weg vom Sport und hin zur Medizin zieht? Hast du einen Masterplan für die nächsten Jahre, in dem auch der Zeitpunkt deines Rücktritts enthalten ist?

Da ist noch vieles unklar. Ich weiss noch nicht, in welche Fachrichtung ich mich medizinisch spezialisieren möchte. Ich mag die simple Trennung von «Schulmedizin» und «Alternativmedizin» nicht, für mich wird es etwas von beidem sein, mit der Möglichkeit, meine Erfahrung und mein Netzwerk einzubringen.

Ich habe fast auf den Tag genau gleichzeitig mit Leichtathletik und dem Medizinstudium begonnen. Daher hat es für mich in den letzten Jahren immer beides gegeben, ich identifiziere mich mit beidem, profitiere von beidem, ich bin beides.

Deshalb wird auch der Übergang fliessend sein, ein Datum habe ich nicht im Kopf. Solange ich auf den Sport setzen kann und Spass daran habe, mache ich weiter. Ein Gefühl, dass es Zeit aufzuhören wäre, habe ich gar nicht.

Nebst deinem Training bist du auch auf Social Media sehr aktiv, wie profitierst du von Instagram und Co.?

Social Media ist eine Plattform, wo du selbst entscheidest, wann und wie du kommunizierst. Du bist nicht auf klassische Medien angewiesen. Die Leichtathletik ist eine Sommersportart, entsprechend wird auch vor allem dann über uns berichtet.

Man kann Social Media gut finden oder nicht, letztlich aber ist es für mich wichtig. Wir brauchen diese Aufmerksamkeit, weil wir von Partnern leben, um den Sport zu finanzieren. Irgendwie müssen wir präsent sein – und Social Media gibt einem diese Chance.

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Quelle: FM1Today

Ich habe einige tausend Follower, nicht Millionen. Aber ich glaube, meine Follower interessieren sich dafür, was ich poste. Seit etwa einem halben Jahr posten wir regelmässig und mit einem Konzept.

Während der Corona-Krise haben wir ein eigenes Home Workout aufgebaut, unter der Bedingung, dass sich tausend Leute anmelden. Innert zwei Tagen sind diese dank Social Media zusammengekommen.

Bei deinem Home Workout gibst du den Leuten Tipps und zeigst ihnen Übungen für zu Hause. Hast du schon viele Rückmeldungen dafür erhalten?

Ja, einige, vor allem positive, vielleicht erhalte ich auch nur von denen eine Rückmeldung, die es cool finden (lacht). Das Programm ist gratis und richtet sich an alle, die sich zu Hause fit halten möchten. Es macht mir mega Spass und der Bereich interessiert mich sehr.

In dieser Zeit, in der das Training teilweise wegfiel oder anders organisiert werden musste, beschäftigte mich das Programm, es gab mir Aufgaben und eine gewisse Struktur. Das war eine gute Ablenkung.

Ausserdem: Wenn sich dank meines Home Workouts nur zwei oder drei Personen häufiger bewegen als zuvor, habe ich mein Ziel schon erreicht.

Glaubst du, einerseits als Sportler, andererseits als Arzt, dass sich die Gesellschaft wegen der Coronakrise verändern wird?

Ich hoffe es. Die Coronakrise hat viele Aspekte unseres Lebens verändert. Ich denke da beispielsweise an die verstärkten Hygienemassnahmen. Diese werden uns noch eine ganze Weile begleiten.

Gespannt bin ich auch, ob sich unsere Begrüssungsrituale wie Händeschütteln, Umarmen oder Küssen, verändern werden. Was ich mir sehr wünsche, ist, dass wir nach der Krise die wirklich wichtigen Dinge im Leben noch mehr zu schätzen wissen und uns noch bewusster sind, dass nur in einer gesunden Gesellschaft ein normales Leben möglich ist. Jede und jeder kann, nein muss, seinen Teil dazu beitragen.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 29. Mai 2020 09:44
aktualisiert: 26. Mai 2020 09:24