Bottighofen

Getarnte Bunker: Statt eines Familien-Vans gibt es ein Maschinengewehr in der Garage

Nico Conzett, 29. Oktober 2020, 16:33 Uhr
In Bottighofen werden zwei Weltkriegsbunker saniert. Davon bekommt die Öffentlichkeit aber nicht viel mit. Denn die Bauten aus der Kriegszeit sind perfekt getarnt – die Geschichte, wie sie zu ihrer «Verkleidung» kamen, ist kurios. Ein Verein bietet Führungen in den historischen Gebäuden an.

Man hegt keinerlei Verdacht, wenn man durch Bottighofen fährt: An der Hauptstrasse stehen zwei scheinbar gewöhnliche Häuser, eines mit einem Gerüst davor. Wer es nicht besser weiss, würde denken, dass hier ein schmuckes, kleines Einfamilienhaus eine Fassadenauffrischung bekommt.

Doch was hinter der Fassade liegt, hat mit einem Einfamilienhaus nicht im Geringsten etwas zu tun. Denn die Mauern der beiden Häuser sind bis zu zweieinhalb Meter dick: Es handelt sich um zwei Bunker, gebaut kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, um die Schweizer Grenze bei einem allfälligen Nazi-Angriff zu verteidigen.

Wichtige Verteidigungsanlage im Zweiten Weltkrieg

Die Bunker sind Teil des Festungsgürtels Kreuzlingen, einem Verteidigungskonzept, welches sich über knapp zwölf Kilometer von Bottighofen nach Osten, rund um Kreuzlingen, bis nach Triboltingen erstreckt und insgesamt 42 solcher «Kampfbunker» beinhaltet hat.

Sieht aus wie ein schmuckes Einfamilienhaus, ist aber ein Weltkriegsbunker.

© FM1Today

Während des Zweiten Weltkriegs waren die Bunker ständig besetzt. Im Raum Kreuzlingen war die Grenzbrigade 7 stationiert, welche 5500 Soldaten umfasste und damals in ständiger Alarmbereitschaft war. Doch auch nach Kriegsende blieben die Bunker einsatzbereit. «Zu Zeiten des Kalten Krieges wurden sie mehrmals mit neuen Waffen aufgerüstet. Erst 1994 gab die Schweizer Armee die Bunker schliesslich auf», erklärt Urs Ehrbar, Vizepräsident des Vereins «Festungsgürtel Kreuzlingen».

Munition und Maschinengewehre

An diese Zeiten erinnert heutzutage nichts mehr – aber nur äusserlich. Denn innerhalb der meterdicken Mauern kann man sich in Bottighofen auch heute ein Bild machen, wie die Soldaten vor 75 Jahren kampfbereit ausharren mussten. Zu sehen gibt es Maschinengewehre, Munitionslager und Panzerabwehrkanonen, aber auch Aufenthaltsräume und Schlafkammern der damaligen Besatzung.

Ebenfalls aussergewöhnlich ist die «Garage» des einen Hauses. Öffnet man das Tor, erspäht man nicht den erwarteten Familien-Van, sondern blickt schluckend in den Lauf eines 51er-Maschinengewehrs.

In der «Garage» des einen Bunkers steht kein Auto, sondern eine Schiessscharte mit Maschinengewehr.

© FM1Today

Dieser Einblick in die Geschichte ist dem Verein «Festungsgürtel Kreuzlingen» zu verdanken. Seit 2003 kümmern sich die Vereinsmitglieder um ausgewählte Bunker des Festungsgürtels. So unterhalten sie im oberen Stockwerk des einen Bottighofer Bunkers ein Museum und bieten Führungen, beispielsweise für Schulklassen, an. Im Moment sorgt der Verein dafür, dass die Aussenfassaden der beiden Gebäude eine Erfrischungskur erhalten.

Wie es zur Häuser-Tarnung kam

Speziell ist die Geschichte, wieso die Bunker als Häuser getarnt im Dorfbild Bottighofens verschwimmen. Die Vermutung liegt nahe, dass die Armee die Einfamilienhaus-Maskerade aufzog, um feindliche Truppen zu täuschen und zu verschleiern, was wirklich hinter den Mauern steckt.

Doch der wahre Grund ist ein ganz anderer, erklärt Urs Ehrbar: «Das ist eine kuriose Angelegenheit. Während des Krieges war der Bunker ein nacktes Beton-Gebilde, so wie man sich einen Bunker vorstellt.»

So sah der Bunker im Zweiten Weltkrieg aus.

© FM1Today

Doch nach Kriegsende hatten die Bottighofer keine Lust mehr auf Betonklötze mitten in ihrem Dorf. «Die Gemeinde Bottighofen hat dann verlangt, dass aus den Bunkern Häuser werden, welche in das Gemeindebild passen, weil das ein Bedürfnis der Bottighofer Bürger war», führt Ehrbar aus.

Doch nicht nur ein ästhetischer Vorteil

Im Nachhinein erwies sich die «Verkleidung» aber aus militärischer Sicht doch noch als nützlich. Denn in Zeiten des Kalten Krieges gewann die Luftaufklärung an Bedeutung. Und mit dieser war es für ausländische Truppen einfach, zu erkennen, wo die Schweiz Verteidigungsanlagen betreibt – was natürlich nicht sein sollte.

«Im Verlaufe des Kalten Krieges hat man festgestellt, dass andere Nationen Karten mit den Schweizer Bunkern haben und es diverse Luftaufnahmen gibt», sagt Simone Benguerel vom Thurgauer Amt für Archäologie. «Daraufhin wurden viele verbliebene Beton-Bunker ihrer Umgebung angepasst.» Einige sind mit Tannen «umpflanzt», andere in Scheiterbeigen eingekleidet und wieder andere als Häuser getarnt worden – wie die beiden unscheinbaren «Einfamilienhäuser» in Bottighofen.

Nico Conzett
Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 2. November 2020 05:47
aktualisiert: 29. Oktober 2020 16:33