Frauenfeld

Grossmutter enthauptet: «Habe sie geliebt, als wäre sie meine Mutter»

Vanessa Kobelt, 25. November 2020, 17:27 Uhr
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Quelle: FM1Today / TVO

Vor rund zwei Jahren tötete ein 19-Jähriger in Frauenfeld seine Grossmutter und trennte ihr den Kopf ab. Heute Mittwoch hat ihn das Bezirksgericht Frauenfeld für nicht schuldfähig erklärt – und zu einer stationären Massnahme und anschliessendem Landesverweis von 15 Jahren verurteilt.

Was für ein Mensch ist fähig, seine eigene Grossmutter mit einem Messer zu töten und sie anschliessend zu enthaupten? Mit dieser Frage musste sich heute das Bezirksgericht Frauenfeld befassen. Im Zentrum steht der Vorwurf der vorsätzlichen Tötung sowie die Störung der Totenruhe. Auf der Anklagebank sitzt ein heute 21-jähriger Mann, der gemäss psychiatrischem Gutachten an einer schweren, undifferenzierten Schizophrenie leidet. Deren Symtome wurden vor der Tat durch den Konsum von Cannabis verstärkt.

«Es tut mir so leid, was passiert ist» 

«Ich war krank im Kopf und nahm Drogen», sagt der gebürtige Mazedonier mit italienischem Pass, als der Richter ihn nach dem Grund für die grausame Tat fragt. Der Beschuldigte lebt seit 2015 in der Schweiz, gilt als schlecht integriert und hat ein schwieriges Verhältnis zu seiner Familie. Mit tiefer Stimme und gebrochenem Deutsch fährt er fort: «Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich habe meine Grossmutter geliebt, als wäre sie meine Mutter.» Der etwas kräftige junge Mann, der seine langen Haare zu einem Dutt gebunden hat, schlägt die Hände vors Gesicht.

Grossmutter wehrte sich

Die Tat am 16. Oktober 2018 in Frauenfeld erschütterte die ganze Schweiz. Der damals 19-Jährige war mit seiner Grossmutter alleine in der Wohnung und spielte auf seiner Playstation. Als die 74-Jährige auf dem Boden kniete, um zu beten, griff ihr eigener Enkel sie von hinten an und würgte sie minutenlang. Die Rentnerin versuchte, sich zu wehren, biss ihm in die Finger, verlor den Kampf aber und wurde ohnmächtig.

«Wie in einem Dracula-Film»

Danach stach der Beschuldigte ihr mit einem Rüstmesser in den Brustkorb. «Wie in einem Dracula-Film», habe der Angeklagte später sein Vorgehen beschrieben. Er schnitt den Kopf der Grossmutter ab, packte diesen in einen Rucksack und flüchtete mit dem Zug Richtung Flughafen. Auf dem Küchentisch hinterliess er einen Abschiedsbrief.  «Mama und Papa, ich habe euch lieb, trotz unserer Schwierigkeiten. Lasst niemand herein. Es tut mir leid.»

Wollte Kopf ins Meer werfen

«Die Stimmen waren wie ein Magnet in meinem Kopf », sagt der Angeklagte vor Gericht. Er schaut während des Prozesses immer wieder nervös nach hinten zum Publikum. Die Stimmen hätten ihm befohlen, den Kopf seiner Grossmutter in Spanien ins Meer zu werfen und nach Mekka zu flüchten. Dort kam er aber nie an. Die Polizei verhaftete ihn bereits am Flughafen Zürich. Man habe ihn als «wirr» und «grundlos lachend» wahrgenommen.

«Wollte den Teufel austreiben»

Schon einige Wochen vor der Tötung seiner Grossmutter war der Beschuldigte auffällig geworden. Er hatte seinen jüngeren Bruder eingesperrt und drückte ihn während zehn Minuten gewaltsam auf die Matratze. «Er hatte rote Augen und ich dachte, ich müsse ihm den Teufel austreiben», so der Angeklagte später bei einer Einvernahme.

Apathie und Lachanfälle

Der junge Mann soll seit seinem 12. Lebensjahr fast täglich Marihuana geraucht haben. Seine Lehrstelle als Elektromonteur verlor der damals 19-Jährige kurz vor der Tat, weil er eine Schusswaffe mit an den Arbeitsplatz brachte. Innert kurzer Zeit gab es eine psychische Verschlechterung, die auch der Familie und dem Umfeld aufgefallen war. Gegenüber eines Kollegen wurde er gewalttätig und er hörte zunehmend Stimmen. Ausserdem verhielt er sich öfter apathisch und fiel durch irres Lachen auf.

Brief an Oma

In den Wochen vor der Bluttat wurde der Beschuldigte erstmals psychologisch behandelt, doch die Hilfe kam zu spät. Der junge Mann beging die grausame Tat an seiner Grossmutter und bereut diese bis heute. Das Schlusswort im Prozess nutzt der Angeklagte, um einen Brief an seine Grossmutter vorzulesen. «Ein Brief an dich, Oma. Ich hoffe, dass du mir vergibst. Ich erinnere mich an all die schönen Dinge, die wir erlebt haben. Hoffentlich findest du einen guten Platz im Himmel, zusammen mit Opa.»

Kleine Verwahrung und Landesverweis

Das Bezirksgericht Frauenfeld hat den Mann in den Hauptanklagepunkten für schuldunfähig erklärt. Er wird wie von der Staatsanwaltschaft gefordert zu einer stationären Massnahme (kleine Verwahrung) und einem Landesverweis von 15 Jahren verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er wegen des Waffendelikts, Drogendelikts und einer Tätlichkeit. Hier wurde er zu einer Geldstrafe und einer Busse verurteilt.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 25. November 2020 14:08
aktualisiert: 25. November 2020 17:27