Ostschweiz

Hagelabwehrraketen sind umstritten

Krisztina Scherrer, 29. Juni 2020, 14:15 Uhr
Sie jagen Silberiodid-Raketen in Gewitterwolken und bekämpfen damit vom Boden aus Hagelkörner. Die Wissenschaft findet dies fragwürdig. Der Hagelabwehrverband Ostschweiz glaubt jedoch an seine Methode.

Eine Abschussrampe, eine Rakete gefüllt mit Silberiodid und Schwarzpulver, ein Anzünder und dann eine Detonation: Die Rakete steigt in Windeseile in Richtung Gewitterwolken. Nach der Explosion soll der Aufwind das Silberjodid in die Wolken bringen und dort verhindern, dass sich grosse Hagelkörner bilden und auf die Erde fallen.

Hagelabwehrverband zählt 220 Mitglieder

Davon ist der Ostschweizer Hagelabwehrverband überzeugt. Diesen gibt es seit 1951, er wird von 41 Gemeinden in der Ostschweiz (vorwiegend im Thurgau) getragen und finanziert. Rund 220 Personen sind ehrenamtlich dabei. Erst vor kurzem wurden zwei neue Raketenschützen ausgebildet, die in der Gemeinde Andwil tätig sind.

Durch und durch Bodenkämpfer

Die Aufgabe der Raketenschützen: «Wir bekämpfen das Gewitter vom Boden her mit Raketen», sagt Daniel Ehrbar, Mitglied im Verband und zuständig für die Gemeinde Hauptwil. «Die Gewitterwolken werden mit dem Silberiodid geimpft.» So soll der Hagel in kleinerer Form oder in schweren Regentropfen auf die Erde prasseln, damit könne man Hagelschäden in den Gemeinden verhindern.

Für Ehrbar ist seine Tätigkeit als Raketenschütze eine Herzensangelegenheit: «Für mich ist es lässig und schön, wenn ich den Leuten einen Dienst erweisen kann.» Er ist auch überzeugt: «Es nützt etwas.» Dafür sei es wichtig, dass möglichst viele Gemeinden mitmachen. «Alle fünf Kilometer braucht es acht bis zehn Schützen, dann hat man auch Erfolg.»

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Quelle: FM1Today/zVg

«Es nützt nichts»

Albert Waldvogel, ehemaliger ETH-Professor und Direktor des Grossversuch IV (das grösste Hagelabwehr-Experiment Europas), sieht die Erfolgsgarantie der Hagelabwehrraketen anders. «Es nützt nichts. Das Problem ist: Das Silberiodid hat keine Wirkung, wenn man es so einsetzt, wie es im Hagelverband eingesetzt wird.»

«Man bräuchte hunderttausende Raketen»

Die Idee, dass Silberiodid Hagel verkleinert oder gar auflöst, sei zwar richtig, doch: «Man bräuchte hunderttausende Raketen, um das Silberiodid in die Wolken zu bringen.» Als Vergleich nennt Waldvogel ein Stadion, in dem eine Pyro angezündet wird. «Wenn man das Stadion mit Rauch füllen will, nützt eine Pyro nichts. Und ein Stadion ist im Vergleich zu einer Wolke sehr, sehr klein.» Eine Wolke ist etwa 1000 Kubikkilometer gross. «Da ist eine solche Rakete schlicht und einfach zu wenig.»

Albert Waldvogel, ehemaliger ETH-Professor und Direktor des Grossversuchs 4 (das grösste Hagelabwehr-Experiment Europas)

© ETH Zürich

In anderen Ländern wird von der Luft aus gegen Hagel gekämpft. Flugzeuge zerstreuen das Silberiodid direkt in den Wolken, wie Waldvogel erklärt. «In den USA oder in Südafrika werden Flieger eingesetzt, doch auch dort braucht es etwa hundert Flugzeuge und ein paar Tonnen Silberiodid – das ist dann einfach eine Kosten-Nutzen-Frage. Rentiert es sich?»

Für den Hagelabwehrverband ist klar, dass sich ihr Einsatz gegen Hagelschläge lohnt: «Wir fragen unsere Schützen ein Tag nach dem Gewitter an und sie müssen uns bestätigen wie viele Raketen sie geschossen haben. Dann nehmen wir den Durchschnitt: Wenn wenig geschossen wurde und es einen Hagelschlag gab, wissen wir, wir waren zu schwach. Wenn wir keinen Hagelschlag haben und intensiv geschossen wurde, wissen wir, dass wir Erfolg hatten. Das sehen wir dann in unseren Auswertungen», sagt Ehrbar.

«Hagel ist ein seltenes Ereignis»

«Hagelabwehr ist ein grosses Business», sagt Waldvogel. Weltweit würden pro Jahr einige Milliarden Schweizer Franken investiert. «Wenn ich ein gutes Geschäft machen will, verkaufe ich Hagelabwehr und sage: Wenn es nicht funktioniert, bekommen Sie das Geld zurück.» Das Problem: Nur fünf Prozent aller Gewitterwolken produzieren Hagel. «Hagel ist ein seltenes Ereignis und das macht den Erfolg der Hagelabwehrmethoden aus.»

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 20. Juni 2020 06:27
aktualisiert: 29. Juni 2020 14:15