Frauenfeld

In diesem Wutraum darfst du alles zerstören

Dario Brazerol, 24. Juli 2020, 05:30 Uhr
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Quelle: tvo

Mutwillige Zerstörung von Haushaltsgegenständen ist in Frauenfeld ab Ende Juli straffrei möglich. Dann eröffnet der erste Rage Room der Deutschschweiz. Wir haben den Wutraum im Vorfeld getestet.

Eine schmale Treppe führt in einen Keller hinunter. Einzelne Leuchten tauchen den Raum in schummriges Licht. An der Wand hängen Brecheisen, Beil und Baseballschläger. Was sich nach der Szenerie eines mittelklassigen Horrorfilms anhört, ist der Vorhof des ersten Deutschschweizer Rage Rooms in Frauenfeld.

In einem Rage Room (dt. Wutraum) kann sich ein jeder und jede den eigenen Aggressionen hingeben – oder einfach aus Spass an der Freude Dinge zerstören. Was uns die gute Kinderstube verbietet, ist im Rage Room erlaubt. Teller, Vasen, Gläser und andere kurlige Kreationen der Keramik dürfen und sollen ohne Rücksicht auf Verluste verscherbelt werden – alles von der Brocki zur Verfügung gestellt.

Die Besucher dürfen aus diversen Schlag-Utensilien aussuchen.

© FM1Today

«Die meisten wählen den Baseballschläger»

Der Baseballschläger ist das Zertrümmerungsutensil meiner Wahl. «Die meisten, die bisher hier waren, wählten den Schläger. Er ist leichter und besser zu schwingen als der Hammer», sagt Jenny Centeno, Geschäftsführerin von Escape Frauenfeld. Ende Juli wird der Rage Room offiziell eröffnet. Nur einzelne Testpersonen durften das Angebot bisher ausprobieren – eine von ihnen bin ich.

Ohne Sicherheit läuft aber auch im Raum ohne Regeln nichts. Schutzanzug und -brille, Handschuhe und ein Helm sollen vor möglichen Splittergeschossen schützen. Verletzungen habe es bis jetzt noch keine gegeben, sagt Jenny Centeno, bevor sie die hölzerne Tür zum Wutraum öffnet.

Jenny Centeno, Geschäftsführerin Escape Frauenfeld

© FM1Today

Der erste Teller macht Lust auf mehr

Dann geht es los. Der erste Teller liegt auf einem alten Pneu bereit. Noch spüre ich keine grosse Lust, dieses eigentlich noch tadellos zwäge Porzellanstück zu zertrümmern. Trotzdem kitzelt es in den Fingern und ich hole mit dem Baseballschläger aus. Mit voller Wucht oder zumindest dem, was in der Macht meiner Möglichkeiten steht, zerlege ich den Teller, sodass die Scherben nur so fliegen. Unmittelbar stellt sich eine gewisse Genugtuung ein und ich rufe: «Nächster, bitte!»

Schweizerinnen und Schweizer sind nicht für ihr überbordendes Temperament bekannt. Zurückhaltung ist in der Eidgenossenschaft Trumpf. Dass dies vor einem Gang in den Rage Room abschreckt, bezweifelt Jenny Centeno: «Das Konzept hat Potenzial. Wenn die Leute den Mut aufbringen, es auszuprobieren, finden sie es sicher super.» Der Rage Room solle aber keinesfalls als Aggressionstherapie angesehen werden, sagt Centeno. «Wenn man wirklich Probleme hat, ist das Zerstören von Gegenständen vielleicht nicht die richtige Methode. Das hier ist nur zum Spass da.»

Das Glück ist ein Scherbenhaufen

Spass macht es tatsächlich. Einmal in Fahrt, lechze ich nach mehr, doch die Zahl meiner Trümmeropfer ist beschränkt und mit einem letzten Schlachtruf schicke ich ein besonders hässliches, rotes Schälchen in die ewigen Jagdgründe ungeliebter Küchenhelfer.

Von Aggression ist im Wutraum keine Spur. Die Erlaubnis, Dinge zu zerstören, bringt eher eine kindliche Freude auf, welche sich Erwachsene heutzutage fast nicht mehr leisten können. Schwitzend und grinsend verlasse ich die kleine Kammer mit dem Wissen, dass auch ein Scherbenhaufen glücklich machen kann.

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 24. Juli 2020 05:30
aktualisiert: 24. Juli 2020 05:30