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Thurgau

Krach um Kirchenglocken – in Diessenhofen ist die Dorfidylle gestört

31. August 2021, 07:56 Uhr
Es sorgt immer wieder für Gesprächsstoff in den Dörfern: Das Geläut der Kirchenglocken. Dieses Mal wird in Diessenhofen im Kanton Thurgau gestritten. Eine Anwohnerin will mit einem öffentlichen Aufruf für Ruhe sorgen.
Am linken Bildrand die evangelische St.Dionys-Kirche, welche im Mittelpunkt der Diskussionen um das Glockengeläut steht.
© FM1Today

Bischofszell, Degersheim, Diepoldsau, Kreuzlingen, Wäldi – und nun Diessenhofen. Das Geläut von Kirchenglocken gibt quer durchs ganze FM1-Land immer wieder zu reden. Einigen Leuten ist der Klang der Glocken zu laut, sie erachten ihn als störenden Lärm und würden ihn am liebsten verbieten. Für andere wiederum gehört der Glockenklang zur klassischen Dorfatmosphäre – sie wollen ihn unbedingt beibehalten, sei es aus religiösen oder nostalgischen Gründen.

Die Dorfidylle trügt in Diessenhofen

Zur erstgenannten Kategorie gehört Madeleine Felber. Die 64-Jährige wohnt in Diessenhofen im Kanton Thurgau an wunderbarer Lage, direkt am Rheinufer – aber eben auch in unmittelbarer Nähe zur evangelischen Kirche St.Dionys. Und diese Konstellation sorgt für Störungen in der Altstädtchen-Idylle des Thurgauer Dorfs.

Felber hat einen Aufruf gestartet, mit welchem sie abklären will, ob es anderen Leuten genau gleich geht wie ihr. «Lärm ist etwas Subjektives», sagt die 64-Jährige gegenüber den Schaffhauser Nachrichten, «es hat in der Vergangenheit immer wieder Beschwerden wegen dem Glockengeläut der Kirche gegeben, doch diese sind immer im Sand verlaufen.» Deshalb will sie nun etwas ändern.

Viertelstundentakt und nächtliches Geläut abschaffen

Die Wunschvorstellung von Felber sieht so aus, dass das nächtliche Glockengeläut abgeschafft wird und auch die viertelstündlichen Zeitmeldungen per Glocke aufgehoben werden. Sie empfindet das viertelstündliche Läuten als überflüssig und jenes zur vollen Stunde als störend: «Kaum ist man gegen 23 Uhr eingeschlafen, schon wird man um Mitternacht von zwölf lauten Schlägen wieder geweckt, das muss doch nicht sein», so Felber. Besonders während des Lockdowns sei ihr das Geläute unangenehm aufgefallen. Sie hat in dieser Zeit mit Meditationen begonnen, welche durch den Glockenlärm gestört wurden.

Felber möchte unbedingt etwas an der derzeitigen Situation ändern und wartet deshalb mit kreativen Lösungsvorschlägen auf. So kann sie sich beispielsweise eine Lautstärkesteuer als mögliche Lösung vorstellen. Dann müsste die Kirche etwas bezahlen, wenn sie die Glocken im gleichen Ausmass weiterläuten möchte – oder aber, sie reduziert die Lautstärke.

Die Kirche gibt nicht klein bei

Freilich will der Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde Diessenhofen, Gottfried Spieth, nichts von alledem wissen. Er erachtet die Kirchenglocken als wichtiges Kulturgut. «Eine öffentliche Zeitansage verbindet, stärkt die Zusammengehörigkeit. Wir sind nicht allein, sondern eingebettet in etwas Grösseres und Ganzes», so Spieth in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Glockenklänge würden Gefühle von Heimat und Geborgenheit auslösen und seien «beruhigend inmitten aller Hektik».

Gemeindepräsident hofft auf einvernehmliche Lösung

Und wie steht die Gemeinde zum Konflikt um die Kirchenglocken? Markus Birk, Gemeindepräsident von Diessenhofen, sagt gegenüber FM1Today: «In jüngerer Vergangenheit sind mir keine Beschwerden der Bevölkerung bezüglich des Glockengeläuts bekannt. Im aktuellen Fall ist auf offiziellem Weg noch nichts zu uns gekommen.»

Sollte sich dies aber in nächster Zeit ändern, beispielsweise in Form einer Petition, würde diese im Rahmen des geltenden Rechts geprüft und beurteilt. Birk betont aber: «Ich hoffe, dass die beteiligten Personen aus der Bevölkerung und der evangelischen Kirchgemeinde zuerst das Gespräch miteinander suchen und allenfalls eine einvernehmliche Lösung finden können. Das wäre natürlich viel besser.»

Gesprächsbereitschaft auf Kirchenseite

Gemeindepfarrer Spieth sagt gegenüber FM1Today, dass man seitens der evangelischen Kirche durchaus bereit ist, mit der Gegenseite zu sprechen. «Wir sind bereit mit allen, die mit uns sprechen möchten, zu sprechen.» Bisher habe allerdings niemand, der sich gestört fühlt, den Kontakt zur Kirche gesucht.

Immerhin: Im Diessenhofer Kirchenglocken-Krach besteht noch die Möglichkeit, dass ein Kompromiss gefunden werden kann – in der Vergangenheit endeten diese Konflikte auch schon anders.

(con)

Quelle: FM1Today
veröffentlicht: 31. August 2021 07:56
aktualisiert: 31. August 2021 07:56