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Tausende Bäume dem Erdboden gleichgemacht

Laurien Gschwend, 3. April 2019, 11:21 Uhr
Im Kanton Thurgau wurden zwischen 1950 und 1975 tausende Obstbäume gefällt. Mit den heute fast unglaublichen Fällaktionen versuchte die Alkoholverwaltung des Bundes, gegen Millionenverluste und den Alkoholismus anzukämpfen. Die Folgen veränderten die Thurgauer Landwirtschaft für immer, wie eine TVO-Doku zeigt.
Die genaue Anzahl der gefällten Bäume kann heute nicht mehr eruiert werden.
© Archiv für Agrargeschichte

TVO/Rahel Röthlin

Sägen kreischen, Bäume fallen krachend zu Boden. Die Baumfäll-Kommandos zerstückeln riesige Apfel- und Birnbäume. Mächtige Wurzeln ragen gegen Himmel. «Wenn wir fertig waren mit einer Fällung, glich das Feld einem Kriegsschauplatz», sagt Walter Luginbühl und lacht fast ungläubig. Der 75-jährige Thurgauer war einer von ihnen - den Baumfällern. 17 Jahre lang, jeden Winter, sechs Tage pro Woche, fällte er Obstbäume. Insgesamt waren es wohl rund 255'000 Stück, schätzt Luginbühl.

Kein Mord, sondern Problemlösung

Für den Landwirt aus Hauptwil waren die Baumfäll-Kommandos ein Job wie jeder andere. «Es war nötig, die Bäume zu fällen», findet er auch Jahre später. Er habe Mühe mit Leuten, welche die Aktion heute verurteilen und gar von «Baummord» sprechen. «Für mich war es kein Mord, sondern eine Problemlösung.»

Die Dokumentation in voller Länge:

Player spielt im Picture-in-Picture Modus

Quelle: TVO

Die Familie des pensionierten Bauern Jakob Niederer wehrte sich damals gegen die Baumfäll-Aktion des Bundes. «Unser Einkommen wäre vom einen auf den anderen Tag weg gewesen», sagt Niederer in der TVO-Doku. «Es tat weh, dass die Bäume mit einem Beil markiert wurden, die über Jahre herangewachsen waren.»

Bund schreibt Millionenverluste

Rund anderthalb Millionen Obstbäume gab es einst im Thurgau. Die Ernte war so ergiebig, dass sich kaum noch Abnehmer finden liessen. Die Bauern brannten deshalb Schnaps - und machten damit den Alkoholismus zu einem Volksproblem, weshalb sich der Bund als Gegenmassnahme dazu verpflichtete, die überschüssige Ernte aufzukaufen. Mit der Folge, dass der Bund Millionenverluste schreiben musste und das Alkoholproblem noch immer nicht gelöst war. «Der Bund kam in ein Dilemma», weiss Franco Ruault, Historiker des Schweizer Mosterei- und Brennereimuseums. Also packte die Alkoholverwaltung das Problem wörtlich bei der Wurzeln und schickte Baumfäll-Kommandos los.

Grafik: TVO

Lange Zeit blieb die Baumfäll-Aktion wenig beachtet. Erst mit dem neuen Mosterei-Museum in Arbon hat sich der Historiker Franco Ruault im Auftrag der Familie Möhl mit dem «Baummord» auseinandergesetzt.

Laurien Gschwend
veröffentlicht: 3. April 2019 06:29
aktualisiert: 3. April 2019 11:21