Todesschütze: «Es ist dumm gelaufen»

Raphael Rohner, 19. Februar 2018, 19:03 Uhr
Ein heute 63-jähriger Mann erschoss 2013 in Amriswil seinen Nachbarn kaltblütig von hinten. Voran gegangen ist ein Nachbarschaftsstreit. Der Täter verlangte heute Montag vor dem Thurgauer Obergericht in Frauenfeld eine Minderung seiner Gefängnisstrafe.

«Selten hat das Gericht eine solche Gefühlskälte erlebt», sagte die vorsitzende Richterin bei der Urteilsverkündung der Hauptverhandlung vor dem Bezirksgericht Arbon im letzten März. Die Tat sei besonders skrupellos gewesen und habe wie «eine eigentliche Hinrichtung» ausgesehen, hiess es damals. Das Bezirksgericht entschied: Es handelt sich bei der Tat um einen Mord. Gegen diesen Entscheid legte der Pflichtverteidiger des Täters Berufung ein. Der Schütze sei zum Tatzeitpunkt psychisch labil und emotional instabil gewesen, als er sein Opfer mit mehreren gezielten Schüssen tötete.

Aus nächster Nähe erschossen

Rückblick: In einem Mehrfamilienhaus in Amriswil haben Nachbarn immer wieder heftigen Streit untereinander. Dabei fällt ein Mieter bei den anderen immer wieder negativ auf: Der spätere Schütze. Diesem wurde schlussendlich die Wohnung gekündigt. Als der letzte Tag in seinem Zuhause gekommen war und der damals 58-jährige hätte ausziehen müssen, schoss er vor dem Haus auf seinen Nachbarn. Der Schütze lauerte seinem Opfer auf und schoss fünf Mal auf ihn, als dieser früh morgens zur Arbeit fahren wollte. Der Nachbar wurde von den Schüssen so schwer verletzt, dass er tags darauf seinen Verletzungen erlag.

Pflichtverteidiger: Kurzschlussreaktion statt Mord

Das Bezirksgericht Arbon verurteilte den Schützen wegen Mordes zu zwölfeinhalb Jahren Freiheitsstrafe. Zudem ordnete es eine kleine Verwahrung und eine Genugtuung von 100'000 Franken an. Damit war der Pflichtverteidiger nicht einverstanden: Die Tat sei im Affekt passiert, schilderte er. Er plädierte auf vorsätzliche Tötung und ging in Berufung.

Vor dem Obergericht in Frauenfeld erörterte der Verteidiger die allenfalls strafmindernden Umstände: Sein Mandant habe ein gesetzestreues Leben geführt bis zum Tatzeitpunkt und er habe sich widerstandslos festnehmen lassen. Der Beschuldigte sei nach schlafloser Nacht, alkoholisiert und voller Angst vor dem Umzug, ins Freie gegangen, um sich selbst das Leben zu nehmen, sagte der Verteidiger am Montag vor Gericht. Als er auf den Nachbarn getroffen sei, sei es zu einer Kurzschlusshandlung gekommen. Es sei kein Mord gewesen. Deshalb solle der Angeklagte lediglich zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis und einer bedingten Geldstrafe verurteilt werden. Auch von der kleinen Verwahrung soll das Gericht absehen.

Schütze: «Es ist dumm gelaufen»

Die Staatsanwältin fordert die Abweisung der Berufung. Der Beschuldigte habe die Tötung des Nachbarn geplant. «Er tötete aus Ekel und Hass. Er wollte Rache üben», sagte sie. Im Schlusswort sagte der Beschuldigte, die Sache sei «dumm gelaufen». Er sei jahrelang terrorisiert worden und müsse nun ins Gefängnis. Für die Hinterbliebenen tue es ihm leid. Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet.

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Raphael Rohner
Quelle: rar
veröffentlicht: 19. Februar 2018 17:22
aktualisiert: 19. Februar 2018 19:03