«Was wir vorfanden, war extrem ‹grusig›»

Sarah Lippuner, 29. März 2019, 15:47 Uhr
24 tote Katzen und 35 verwahrloste Tiere - diesen entsetzlichen Fund machte das Thurgauer Veterinäramt bei einer Frau in Müllheim. Ein Nachbar ist enttäuscht und findet, das Veterinäramt habe zu lange gewartet.

«Wir wussten, dass sie viele Tiere hatte und regten uns alle über die Sauerei im Garten auf. Dass sie so viele Tiere hatte, wussten wir jedoch nicht. Ich war sprachlos, als ich das erfuhr», sagt Heinz Rietmann aus Müllheim im Interview mit FM1Today. Er wohnt in derselben Strasse, zwei Häuser weiter vom Haus des grausamen Funds. Hier lebten 18 Katzen, zwei Hunde, vier Kaninchen, sieben Hühner und vier Wüstenrennmäuse im totalen Chaos. 21 tote Katzen fand das Veterinäramt im Tiefkühler neben Lebensmittel. Drei Katzenkadaver lagen, in Plastik verpackt, im Gartenhäuschen.

«Die Verhältnisse im Haus waren extrem ‹grusig›, das kann man sich nicht vorstellen», sagt Paul Witzig, Kantonsveterinär des Kantons Thurgau. «Die Tiere lebten eingesperrt in unhygienischen Verhältnissen, sie waren teilweise verwahrlost, wild und aggressiv. Besonders die Katzen waren in einem schlechten Zustand.»

Der Garten der Frau ist zugemüllt mit Papiertüten, Käfigen, Futtersäcken und Gartenwerkzeugen. (Bild: FM1Today/Sarah Lippuner)
Der Garten der Frau ist zugemüllt mit Papiertüten, Käfigen, Futtersäcken und Gartenwerkzeugen. (Bild: FM1Today/Sarah Lippuner)

«Wir können nicht alle überwachen»

Die Frau wohnt alleine im Haus und lebt sehr zurückgezogen, so der Nachbar Heinz Rietmann. Er ist enttäuscht von den Behörden. «Das Veterinäramt führte schon mal eine Razzia durch und sah, unter welchen chaotischen Bedingungen die Tiere lebten. Ich verstehe nicht, warum die Frau weiterhin Tiere halten durfte.» Das Veterinäramt verhängte vor ein paar Jahren ein Teiltierhalteverbot, an dieses hielt sich die Frau offensichtlich nicht. Nach den neustem Fund muss die Frau nun mit einem kompletten Tierhalteverbot rechnen.

Witzig wehrt sich gegen die Vorwürfe. «Es ist unmöglich, alle Häuser zu überwachen. Wir bekommen so viele Meldungen und können auch nicht ständig kontrollieren, ob ein verhängtes Tierhalteverbot auch eingehalten wird. Wir haben uns damals entschieden, ihr nochmals eine Chance zu geben. Die Katzen, die sie hielt, hielt sie damals nicht schlecht, es waren einfach zu viele. Die Erfahrung zeigt nun aber, dass man in Zukunft wohl radikaler durchgreifen muss.»

Kantonstierarzt Paul Witzig: «Wir können nicht alle überwachen»(Archiv/Tagblatt/Donato Caspari)
Kantonstierarzt Paul Witzig: «Wir können nicht alle überwachen»(Archiv/Tagblatt/Donato Caspari)

Aus falscher Tierliebe gehandelt

Durch Meldungen von Drittpersonen ist das Veterinäramt erneut auf die Frau aufmerksam geworden. Sie handelt online mit Tierfutter und vermittelt verwahrloste Tiere, die sie aus dem Ausland holt, «ein fertiger Unfug», sagt Paul Witzig. Einige ihrer Kunden hatten das Gefühl, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehe und kontaktierten das Veterinäramt.

Paul Witzig geht davon aus, dass die Frau aus falscher Tierliebe gehandelt hat. Sie wollte wohl die Tiere retten, war aber mit der Situation völlig überfordert. Der Nachbar Rietmann ist froh, dass die Tiere nun weg sind. «Es war ein leidiges Thema in der Nachbarschaft, die Frau passt nicht hierher. Ich bin froh, dass nun etwas passiert und die Tiere an einem besseren Ort sind.» Die Tiere wurden vom Veterinäramt beschlagnahmt und «umgehend medizinisch versorgt». Die Kadaver der toten Katzen werden untersucht, um herauszufinden, an was sie gestorben sind.

Bereits im Jahr 2017 war das Veterinäramt Thurgau mit einem prekären Fall von Tierquälerei konfrontiert. Ein Mann quälte und verwahrloste in Hefenhofen mehrere Pferde bis zum Tod. Paul Witzig betont jedoch, dass im Thurgau nicht häufiger solche Fälle vorkommen, als in anderen Kantonen. Die mediale Aufmerksamkeit sei im Thurgau einfach wesentlich grösser.
Sarah Lippuner
Quelle: sar
veröffentlicht: 29. März 2019 15:47
aktualisiert: 29. März 2019 15:47