«Wir retten jährlich 250 Schildkröten»

Raphael Rohner, 23. Mai 2017, 06:17 Uhr
Heute Dienstag ist Weltschildkrötentag und wir haben uns gefragt, wohin eigentlich die Schildkröte aus den Drei Weiheren gekommen ist. Eine Spurensuche zur Ostschweizer Schildkröten-Auffangstation in Amriswil.

Ein unscheinbares Haus mitten in Amriswil. In der Nähe ein Schulhaus mit spielenden Kindern auf der Wiese. Leute spazieren durch das Quartier und bleiben am Zaun stehen: «Jesses, jetzt schau dir auch diesen Brocken einmal an», sagt eine Seniorin zu ihrer Kollegin. Im Vorgarten der Familie Koller patrouillieren nicht etwa herzige Büsis oder Hundewelpen, sondern zwei rund 40 Kilogramm schwere afrikanische Schildkröten. Wir befinden uns in der Schildkröten-Auffangstation.

«Schildi» und ihre Freunde warten auf ein neues Plätzli

«Wir haben im Moment rund 150 Schildkröten bei uns, die wir hier aufgenommen haben», sagt Hermann Koller, Leiter der Schildkröten-Auffangstation. Am Ende des Jahres seien es jeweils etwa 250 Tiere. Die Tiere würden meistens von Leuten gefunden und dann melden sich die Leute völlig hilflos bei Koller. Auch die Wasserschildkröte, die vorletztes Jahr in den St.Galler Weihern gesichtet und gefangen wurde, ist jetzt bei Koller. «Schildi», wie die Schildkröte getauft wurde überwinterte hier und wartet nun mit ihren Artgenossen auf ein neues Plätzli.

«Diese Tiere überleben uns alle irgendwann»

«Das Problem ist, dass Schildkröten enorm alt werden», erklärt Rolf Brun, von der Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz (SIGS). Er dreht eine Landschildkröte um und zeigt deren Furchen auf der Unterseite des Panzers: «Teilweise werden diese Tiere hundert Jahre alt.» Kaum jemand rechne damit, dass seine kleine Baby-Schildkröte älter wird als der Mensch selbst: «Diese Tiere überleben die meisten von uns irgendwann.»

«Für eine Schildkröte braucht es einen Bagger»

Da viele Leute kleine Baby-Schildkröten süss und putzig finden, schaffen sie sich solche Tiere an. «Meist von Hobby-Züchtern, die damit Profit schlagen wollen», wettert Brun. «Dann merken die Menschen, wie viel Arbeit und Zuneigung so eine Schildkröte braucht. Eigentlich müsste jeder einen Bagger mieten, bevor er eine Schildkröte kaufen will - um ein geeignetes Plätzli zu schaffen.» Koller zeigt uns seinen Garten. Überall stehen kleine Gewächshäuser mit Schildkröten drin. Seinen Sitzplatz teilt er sich mit zwei grossen Containern voll frischem Wasser für die Wasserschildkröten.

Schildkröten sind wie Hunde und Katzen

Der Aufwand eine Schildkröte zu halten ist enorm. Doch redet der frisch gebackene Rentner Koller mit den Schildkröten, als wären es seine Hunde oder Katzen. Sie kommen zu ihm, wenn er barfuss im Gehege steht - «Ja, manch eine Schildkröte zwickt mich hin und wieder, aber eigentlich kennen sie mich alle ganz genau.» In der Schweiz floriere der Schwarzmarkt mit Jungtieren, gibt Brun zu verstehen. Darum gebe es zu viele neue Schildkröten. Dies müsse man aber möglichst verhindern, da man irgendwann nicht mehr wisse wohin mit den Tieren.

Ausgesetzte Schildkröten überleben bei uns

Die Tiere seien laut den beiden Experten eigentlich sehr scheu und würden auch gerne ausbüxen. Immer wieder komme es vor, dass Schildkröten von ihren Besitzern vermisst werden, oder die Polizei eine vorbeibringt. Jedoch würden auch viele Menschen ihre Tiere aussetzen. Gewisse Arten überleben dieses Aussetzen und tauchen an Orten wie dem St.Galler Weiher oder dem Bettenauer Weiher auf. Diese Tiere sind aber völlig ungefährlich, stimmen Koller und Brun überein. Auch sei für die Natur keine Gefahr vorhanden.

Noch kein neues Zuhause für «Schildi»

Koller hat dieses Jahr schon einige Dutzend Tiere aufgenommen. Nur wenige fänden ein neues Plätzli. Vielleicht sei er zu wählerisch, meint er. Doch wolle er sicher gehen, dass es den Tieren richtig gut gehe. Er kann nicht nachvollziehen, wie man ein Tier aussetzen kann. «Wer seiner Schildkröte kein richtiges Zuhause mehr bieten kann, soll sich bei uns melden, anstatt den Tieren etwas anzutun», sagt Koller. Die Tiere seien viel zu faszinierend um sie aufzugeben. Man könne sich auch bei ihm melden, wenn man in die Welt der Schildkröten eintauchen möchte. Für «Schildi» wurde bisher noch kein neues Plätzli gefunden.

(rar)

 

Raphael Rohner
veröffentlicht: 23. Mai 2017 06:17
aktualisiert: 23. Mai 2017 06:17