Mobilität

Tier und Ostwind testen Zusammenarbeit: ÖV-Abonnenten zahlen weniger für Trottinett-Nutzung

26. September 2022, 07:31 Uhr
Der Trottinett-Anbieter Tier und der Tarifverbund Ostwind spannen zusammen: Gemeinsam haben sie einen Pilotversuch lanciert. Aus diesem Grund zahlen Personen mit Ostwind-Abo derzeit weniger, wenn sie ein Tier-Trottinett oder -Velo mieten.
Mit dem E-Trottinett auf den Zug oder vom Bahnhof nach Hause: Diese Idee testet der aktuelle Pilotversuch.
© St.Galler Tagblatt/Arthur Gamsa
Anzeige

Der letzte Bus ist schon weg, und das Geld für das Taxi fehlt: Früher wanderte man in solchen Momenten nach Hause, je nach Strecke zog sich der Weg bis zu einer Stunde oder mehr. Heute gibt es eine Alternative: Man mietet sich ein Tier-Velo oder -Trottinett – wenn man gewillt ist, dafür zu zahlen.

Um diese sogenannte letzte Meile – von der Haltestelle bis zur Haustür – geht es im aktuellen Pilotversuch, den Tier und Ostwind gemeinsam lanciert haben, schreibt das «St.Galler Tagblatt». Das Berliner Unternehmen und der Ostschweizer Tarifverbund wollen herausfinden, ob die Verknüpfung des ÖV mit der sogenannten Mikromobilität ein Bedürfnis ist. Mikromobilität meint elektrisch betriebene Kleinstfahrzeuge wie eben E-Trottinett. Im Versuch geht es also darum, ob ÖV-Nutzende die erste oder letzte Meile mit den Tier-Fahrzeugen zurücklegen.

Trotti-Nutzung kostet weniger

Im Rahmen des Pilotversuchs wird allen Personen mit einem Ostwind-Abonnement die Aktivierungsgebühr für die Tier-Fahrzeuge erlassen. Diese Gebühr von einem Franken fällt bei jeder Nutzung an, dazu kommen 40 Rappen pro Nutzungsminute. Die Aktion läuft bis Ende Jahr.

Mit Flyern an den Trottinetts werben Tier und Ostwind für die Aktion.

© St.Galler Tagblatt/ Arthur Gamsa

Um die Promotion zu nutzen, müssen Kundinnen und Kunden unter www.tier.ostwind.ch einen Code beziehen. Einigen Ostwind-Abonnentinnen und -Abonnenten wurde dieser direkt per Mail zugestellt. Den Code muss man in der Tier-App unter «Promos und Ersparnisse» eintragen, dann entfällt die Aktivierungsgebühr.

Die Promotion startete am Montag. Sie sei gut angelaufen, sagt Manuel Herzog, St.Galler Operations Manager von Tier. «Überraschend viele Codes wurden bereits eingelöst und einige auch schon genutzt.»

Oktober ist der umsatzstärkste Monat

Aber warum lancieren Ostwind und Tier die Aktion genau jetzt, wo es merklich kälter geworden ist? Die Zusammenarbeit sei relativ kurzfristig zu Stande gekommen, sagt Christian Stieger, Leiter Marketing von Ostwind. Tatsächlich war der Oktober 2021 der fahrten- und somit umsatzstärkste Monat von Tier in St.Gallen, gefolgt von September. Herzog sagt: «Von daher ergibt es absolut Sinn, dass wir diese Kooperation genau jetzt starten.»

Tier-Trottinetts an einer Strasse in St.Gallen: Im Herbst werden die E-Fahrzeuge häufiger ausgeliehen.

© St.Galler Tagblatt/Arthur Gamsa (20. Oktober 2020)

Er erklärt sich die vielen Fahrten im Oktober einerseits damit, dass mit dem Semesterstart die Studentinnen und Studenten zurück in der Stadt sind. Viele nutzen die Trottinetts für die Fahrt vom Hauptbahnhof hoch zur Universität St.Gallen. Ein grosser Teil der Fahrten werde aber auch durch die Olma und die Herbstferien ausgelöst.

Beide haben dasselbe Ziel

Tier hat die Kooperation angeregt und ist auf Ostwind zugegangen. Der Mikromobilität werde manchmal vorgeworfen, sie kannibalisiere den ÖV, sagt Herzog.

«Am Ende haben wir dasselbe Ziel: den Autoverkehr zu reduzieren. Gemeinsam erreichen wir das eher.»

Hinzu komme, dass Tier den ÖV auf der ersten und letzten Meile sowie zu angebotsschwachen Zeiten enorm unterstützen könne.

Für Tier ist die Kooperation mit Ostwind die grösste dieser Art in der Schweiz, sagt Herzog. Auch Christian Stieger freut sich über das Projekt. «So können wir testen, ob ein Bedürfnis besteht, statt ein Produkt zu planen, für das es dann keine Nachfrage gibt.»

Werden Autofahrten oder Fusswege ersetzt?

Was aber, wenn ÖV-Kundinnen und -Kunden, die bisher zum Bahnhof gingen, den Weg nun mit dem E-Trottinetts zurücklegen? Dann würden klimaschonende Spazierstrecken ersetzt, das Ziel wäre verfehlt. Genau das hat eine ETH-Studie Anfang Jahr gezeigt: Geteilte E-Trottinetts und E-Bikes ersetzen hauptsächlich Verkehrsmittel, die ohnehin schon nachhaltiger als das Auto sind.

Stieger sagt: «Das liegt bei jedem Einzelnen. In St.Gallen macht die Topografie aber auch etwas aus.» Geht es aufwärts oder hat man einen schweren Rucksack als Gepäck, nehme man vielleicht lieber das E-Trotti oder E-Bike. «Beim Projekt geht es auch darum, das Reiseerlebnis zu verbessern.»

Einzugsgebiet erstreckt sich von Flawil bis nach Horn

In der Region ist das Einzugsgebiet von Tier inzwischen beachtlich: Die E-Trottinetts können in Berg ausgeliehen werden, in Flawil, Gaiserwald, Goldach, Gossau, Horn, Mörschwil, Rorschach, Rorschacherberg, Steinach, St.Gallen, Tübach, Untereggen und Wittenbach. In einigen dieser Gemeinden handelt es sich noch um einen Versuchsbetrieb.

E-Bikes gibt es in Gossau und St.Gallen. Velos und Trottinetts können gemeindeübergreifend genutzt werden. In St.Gallen und Untereggen werden die Trottinetts im Winter je nach Witterung eingesammelt.

Und die Kooperation mit Ostwind? Wenn der Versuch zeigt, dass für die Verknüpfung eine Nachfrage besteht, werden die Unternehmen weitere Kooperationen diskutieren. Wie genau diese aussehen könnten, ist laut Stieger derzeit noch offen. Eine Idee wäre zum Beispiel, dass die beiden Angebote einfacher zusammen buchbar wären und allenfalls weiter rabattiert werden.

Quelle: St.Galler Tagblatt/Marlen Hämmerli
veröffentlicht: 26. September 2022 07:28
aktualisiert: 26. September 2022 07:31